1. Barfuss-Marathon von José

Hier der tolle Bericht von José zu seinem 1. barfuss gelaufenen Marathon in Luzern. Nochmals herzliche Gratulation an José, eine äusserst beeindruckende Leistung: 42,195 km barfuss und dies erst noch in schnellen 3:09:28 h!

 

Mein zweiter „Erster Marathon“

Vor fünf Jahre hätte ich nie gedacht, dass ich einen Marathon laufen wurde. Am Sonntag 27.10.19 war meiner dritter, aber auch meinen zweiten „ersten“ Marathon. 

Seit fünf Jahre laufe ich gerne, sehr gerne sogar, und seit 4 Jahre ab und zu laufe ich Barfuss. 

Viele fragen mich: warum barfuss? Meine Antwort war am Anfang eine Sammlung aus verschiede Gründe aber heute kann ich nur eines sagen: es macht Spass! es macht verdammt viel Spass! 

Für mich war der richtige Zeitpunkt einen ganzen Marathon barfuss zu laufen. Barfuss habe ich bereits einige Halbmarathon absolviert, aber mir war klar, dass 42.2km eine andere Nummer ist. 

Vorbereitung ist alles! barfuss oder nicht. Die Vorbereitung ist dein Ticket zum Erfolg, leider musste ich meinem Training abbrechen aufgrund einer Verletzung, ein Unglück gegen den Bordstein liest mein linker Fuss ausser Betrieb für 3 Wochen. 

Mir ist bewusst, dass mit Schuhe wäre das alles nicht passiert. Barfuss kann es war gefährlich sein, aber soll ich lieber zu Hause bleiben? Jeder muss für sich entscheiden und ich habe mein Weg gefunden, in diesem Fall akzeptierte ich die Konsequenzen und lernte ich damit umzugehen bis ich wieder laufen konnte. 

Mit nur noch 6 Wochen übrig fürs Training war mir klar, dass es keinen schnellen Marathon sein wird. Deshalb entschied ich mich ohne Uhr zu laufen (kleine Hommage zu Jorge López ;-). Am Ende entschied ich mich für das Abenteuer, allerdings behielt ich 3 Ziele: 

1) Am Ziel ankommen.

2) unter 3 h 30 min. zu laufen.

3) umso besser… unter 3 h 23 min. zu laufen (meine erster Marathon Zeit, damals mit Schuhen).

Hier die Chronik: 

Am So. 27.10 sind wir einige Mitglieder von BRC um 6:15 Uhr bereits unterwegs mit dem Zug, die Stimmung ist fröhlich, es ist auch normal, endlich ist es der Tag an den man so lange gewartet hat. 

Das Wetter ist herrlich (bis 19 Grad ohne Wolken). Wir sind in Luzern angekommen und ab zum Schiff, die Sonne folgt uns mit grosse Versprechungen, die Stadt wacht wunderschön auf…einfach eine Inspiration!

Die Organisation, wie immer, grossartig, überhaupt keine Wartezeit um die Startnummer abzuholen, so macht es wirklich Spass! 

Ab jetzt passiert alles sehr schnell (die Nerven liegen blank!), ab zur Garderobe, sich umziehen, mit kaum Zeit um aufzuwärmen und den Startblock zu finden. 

Zwischen Block 2 (<3 h 15 m) und Block 3 (<3 h 40 m) entscheide ich mich für Block 3, besser langsam starten, allerdings stehe ich vorne, lieber den Boden unter Kontrolle zu halten als sich über andere Sachen ablenken zu lassen (Beine andere Läufer sperren der Sicht), es ist ein kleines Bedürfnis der Barfussläufer. 

Die Leute neben an bemerken meine nackte Füsse, manche staunen aber ich bin auf solche Reaktionen bereits gewöhnt, einige sogar fragen warum? ich beantworte einfach in eine witzige Art, jeder hat sowieso seine einige Ziele.

Die letzten Sekunden sind immer intensiv, man kann das Adrenalin spüren. 3, 2, 1… Los! nur bei dem Start finde ich sehr komisch keinen Knopf bei meinem Lauf Uhr drücken zu müssen…ich hatte nämlich keine Lauf Uhr! 

Es wird sicher einen speziellen Lauf, nicht mal 1km gelaufen und ich bin schon berührt von mit einer grossen Emotion, ich kann es kaum fassen: ich bin hier! nach 4 Jahre bin ich endlich mal hier!, eigentlich sollte man immer dankbar sein bei so eine Chance, allein nur die Möglichkeit starten zu dürfen war für mich ein Geschenk des Lebens (letzten April konnte ich in Leipzig Marathon wegen eine Verletzung nicht starten).  

Die erste Hälfte war die Runde der Euphorie, viele Zuschauer, unglaubliches Wetter und zugiges Pace. Nach kaum 3km habe ich schon die ersten Läufer der Block2 erwischt, in die Stadt die Zuschauer konzentrieren sich… ich höre überall wie ein Mantra: Barfuss! Barfuss! eigentlich bin ich gewöhnt, aber ich finde es immer eine besondere Art von anfeuern. 

Nach ca. 15km erwische ich den Pacemaker von 3h15m Ups! jetzt ist es mir klar: viel zu schnell! Von gefühlt her gehts mir sehr gut aber wir haben noch 27km vor uns. Ich entscheide mich bei dem Pacemaker zu bleiben. 

Nach kurze Zeit habe ich Mühe mit so viele Läufer vorne, die Sicht erschwert sich, ich überhole die Gruppe mit der Idee vorne zu bleiben, nach wenige Minuten würde ich die Gruppe von 3h15m nicht mehr sehen. 

Sehr speziell war es am Fussballstadion, ich hatte nie erlebt, dass durch die laute Verstärkeranlage meine Startnummer, Name und beschuht gerufen wird, schon speziell! Auch die künstliche Rase des Stadions war isotonisch für meine Füsse. 

Nächste Highlight ist das KKL, auch mit rote Teppich, Scheinwerfer und Musik, eine tolle Stimmung, danach geht es zurück in die Altstadt dort warten die Bocksteine seit Hundertjahre, welche ich mittlerweile sehr lustig finde, und langsam sind wir mit der erste Runde soweit… links für die Läufer die schon Ihre Wettkampf beenden, rechts geht es für mich und alle Marathon Teilnehmer weiter, noch 21km. 

Letztes Jahr bin ich links weitergelaufen, dieses Jahr musste es rechts sein.

Meine erste Bemerkung…die leeren Strassen, weniger Läufer und weniger Zuschauer, Na ja, gut, jetzt fängt es wirklich an, es war eine schöne und amüsierte Hälfte, jetzt muss man sich konzentrieren. 

Meine zweite Bemerkung war das Asphalt, irgendwie hatte ich es nicht so aggressiv in Erinnerung, bald realisiere ich, dass meine Füsse schon etwas müde sind. Mm, zu früh für solche Signale. (Nach dem Lauf werde ich erfahren, dass die erste Hälfte in 1h30m absolviert hatte, Uff, kaum gemerkt, ohne Uhr unterwegs ist schon anders ;-). Und nun verstehe ich, dass die nächste 20km werden nicht so einfach sein wie die erste, dann schlucke ich tief und konzentriere ich mich auf den Asphalt. 

Ein Zweites Mal durch die Stadt und sind wir draussen im Begleitung von dem See und die Bergen, mein Pace ist nun etwas ruhiger, ich muss aufpassen mit den Füssen, ich will das Ziel nicht riskieren, sobald der Pacemaker von 3h15m nicht vorbei kommt ist noch alles prima, und wenn ja ist es auch nicht schlimm, Hauptsache: ins Ziel zu kommen, Luft habe ich mehr als genug. 

Nach 2 Stunden unterwegs findet meine Seele eine innere Ruhe, mit den Füssen geht es noch immer knapp an der Grenze und mit dem Eindruck, dass es noch ewig so bleiben könnte (so lange ich die Zähne beissen kann). 

Es ist echt ein wunderschöner Tag, die Sonne scheint, die Luft ist unglaublich sauber, die Berge sind riesige Zuschauer und die Strecke einer Autobahn zum Himmel. Alles ist da, aber leider waren noch nicht alle Zutaten für dieses epische Erlebnis. 

Bei Kilometer 26 spüre ich ein komisches Gefühl bei dem rechten Fuss, es ist noch nicht schmerzhaft aber macht mir sorgen. 

Ich versuche mich zu entspannen. Pace ist an diesem Punkt egal, Hauptsache ist, dass dieses Gefühlt sich nicht verschlimmert. 

Jedes Kilometer zelebriere ich tief allerdings sind noch mehr als 10 Km vor mir. Uff, ich kann es nicht glauben, plötzlich sieht alles anders aus. Ich weiss nicht ob ich es schaffen werde.

Ich leide nicht, ich kämpfe nicht, mein Pace ist sogar zu gemütlich geworden, bei mir gibt es zurzeit nur sorgen, ich beginne zu denken ob ich tatsächlich das Ziel erreichen kann, ich versuche mich abzulenken. 

Seit ich minimal laufe (ohne Dämpfung, ohne Drop) sind immer wieder viele Beschwerden beim Laufen gekommen. Der Köper muss neues lernen, sich adaptieren, Muskeln anders aufbauen, etc. was ich nach 4 Jahre gelernt habe: Wait & Watch, ich darf nicht auf dem Fuss fokussieren, ich darf auch nicht ignorieren, die feine Kunst der Richtigkeit. 

Das Beste ist sich zu entspannend und geniessen, ich laufe fast alleine und die Lücken zwischen Läufer sind noch luftiger geworden, allerdings überhole ich noch ab und zu einsame Läufer, ich versuche immer bei ihnen zu bleiben, mich beruhigen, aber meine Beinen sind anders programmiert, die haben ihren eigenen Willen, sind Pferde in der Hitze. 

Das Fußballstadion ist vor mir. Ab hier sind nur Highlights zu erleben: KKL, Altstadt, zum Ziel, nach und nach bin ich wieder optimistisch. Ich freue mich auf den Kunstrasen. 

Ins Stadion finde ich einen Adrenalinstoss, ich gehe direkt mein Gutschein aufzulösen, die Kunstrasen wartet auf mich, will meine Füsse kuscheln, mmmm. Aber, oh Gott, oh Gott, plötzlich schreien meine Wadenmuskeln unisono, von Ferse bis Knie sind nur Krämpfe zu spüren, ich kann es nicht fassen, ich laufe mit zwei Holzbeinen, ich muss am Jules Verne denken, wie Phileas Fogg, am Ende seine Reise in 80 Tagen um die Welt, das Dampfschiff fast auseinandernimmt. 

Meine Füsse hätten gerne etwas länger von diesem köstlichen Kunstrasen bekommen aber meine Wadenmuskeln vertragen die weiche Oberfläche gar nicht. also, zurück zur Asphalt, schade aber es gibt Prioritäten, zum Glück muss ich nicht stoppen. 

Ich versuche mich entspannen und auf meine Lauftechnik zu konzentrieren. Meine Güte! es ist alles so absurd, dass ich lachen muss, bald sind 36 km vorbei, ich kann mir vorstellen, dass jeder Marathonläufer eine magische Zahl hat, diese Ziffer wo man beginnt zu denken: jetzt schaffe ich es. 

Für mich waren immer die 36km ein wichtiger Punkt, heute ist es anders 6 Kilometer sind noch eine Menge für diese Kutsche die sich langsam abreisst, ab hier denke ich nur noch an eine 2km Schnitt: 36, 38, 40, 42. Jedes gelaufene Km wie ein souveräner Triumph. 

Kilometer 38 ist vorbei, ab hier haben meine Füsse keine Erfahrung mehr, ab hier ist ein neues Gefühlt, aber ehrlich gesagt: Heute ist sowieso alles ein neues Erlebnis. KKL  ist vor mir. Wieder ein Ziel erreicht. Das rote Teppich in KKL weckt mich gemischte Gefühle auf. 

Meine Füsse freuen sich, meine Wadenmuskeln etwas weniger, zum Gluck melden sich die Krämpfe nicht mehr. 

Wir sind zurück in der Stadt. Ich freue mich auf die Zuschauern die wieder präsenter sind, es ist erstaunlich was für eine Unterstützung für uns Läufer bedeutet, Luzern feiert ihre Swiss City Marathon, herrlich! ich spüre eine neue Kraft in mir. 

Der Wille wacht langsam auf, es ist echt wunderschön. Ab hier kann ich nicht mehr glauben, dass ich stoppen soll. Trotzdem ist noch die Altstadt mit den Kopfsteinen zu absolvieren, was in der erste Runde lustig war erscheint mir jetzt wie eine Fakirs Prüfung Profiniveau. 

Die Füsse finden keine Lücke zwischen den Kopfsteinen, ich schaffe kaum mich zu entspannen, die Leute feuern an, es ist schön, sehr schön, aber hart. 

Einfach weiter, weiter, und an nichts anderes denken, jeder Kopfstein ist ein Kreuz, jedoch sage ich mir: einen weniger, einen weniger und noch einen weniger. 

Am Horizont das Asphalt ist wie ein Licht, die Altstadt kommt zu Ende, ich kann es kaum glauben, der letzter Einbrenntest ist vorbei, das Asphalt ernährt sich wie eine Rettung, von Verzweiflung zur Hoffnung in einem Schritt. 

Ich glaube nicht, dass ich hier schaffe so ein Gefühlt zu beschreiben, es ist echt erstaunlich wie die Füsse sich erholen können, wenn die Oberfläche des Bodens wieder in Ordnung ist. 

Ich fasse den Asphalt mit Augen zu an, es ist vorbei, jetzt ist es wirklich vorbei, wenn ich die Augen wieder aufmache ist das 40km Schild vor meine Augen. 

Letzter zweier Schnitt, letzte Teil der Strecke, die letzte power Reserve, und die letzten Zweifel sind weg, ab hier kann ich nur lächeln. 

Ich schaue den Zuschauern an und lächele ich zu, noch 2 Kilometer, die letzte für Heute, noch eine Weile, aber die möchte ich, dass nicht so schnell beenden, diese Kilometer möchte ich in Zeitlupe geniessen, jetzt habe ich keine Eile mehr, nur mich treiben lassen. 

Aus der Ferne sehe ich das Verkehrsmuseum, die Tränen melden sich, die Atmung fehlt mir, zu viele Emotionen. Jetzt bin ich sicher: Ich schaffe es !! verdammt !!, Ich schaffe es!!, Arrgrgrgrhhhhhhhh!!!!.

Am Ziel ist alles anders. Auf die letzte hundert Meter konzentriert sich meine ganze Arbeit, die ganzen Willen, die ganze Magie der Marathon, auf die Letze hundert Meter sind wir kein Mensch mehr sondern Lokomotive, schnelle, robuste, langsame und/oder zerstörte Lokomotive, auf jeden Fall eine unaufhaltsame Lokomotive auf rote Samtschienen. 

Am Ziel muss man nur unterschreiben, wie eine bürokratische Geste, klein und belanglos, es ist nur ein Schritt mehr von Zehntausende, wahrscheinlich nicht länger und auch nicht kürzer, allerdings ist so speziell wie wenige Leute sich vorstellen kann. 

Diese fiktive Linie, die uns auf eine andere Dimension katapultiert, ist nur ein kleiner Schritt mehr entfernt, es ist nicht der Schwierigsten aber was es bedeutet ist einfach unfassbar, ein Traum ist jetzt gerade kein Traum mehr.

PS: Am Ziel hatte ich keinen Schmerz mehr am meinen Füssen und keine Blasen, schon erstaunlich.

PS: Danke an Fernando Nuñez für die grosse Unterstützung bei der Redaktion dieses Berichtes.