100-Kilometer-Lauf von Biel

Ein Erlebnisbericht von Dani Schwitter

 

Am 8. Juni 2018 fand die 60. Austragung des 100-Kilometer-Laufs von Biel statt. Es ist 21:59 Uhr; noch eine Minute und dann fällt der Startschuss!

 

Ich habe mich im vorderen Teil des Feldes eingereiht und warte, bis es endlich losgeht. Ich freue mich extrem auf die nächsten Stunden. Jedenfalls jetzt noch. 10 Wochen Vorbereitung wollen mit einer guten Laufleistung bestätigt werden. Wegen einer Gesässverletzung und einer Grippe konnte ich nicht optimal trainieren. Ich habe deshalb eine Endzeit zwischen 8:30 und 8:45 Stunden anvisiert.

Ich spürte schon beim Einlaufen, dass heute Nacht etwas drin liegen kann. Nach zwei Wochen Tapering sind die Beine und der Kopf heiss auf das Rennen.

 

Es ist 22:00 Uhr. Päng! Wie von einer Tarantel gestochen, läuft die vorderste Reihe los.

 

Ich habe mir dieses Jahr fest vorgenommen,  langsam zu starten; das heisst nicht schneller als 4:50 Minuten pro Kilometer. Ein Schnellstart bei einem Ultra bezahlt man (fast) immer mit einem Einbruch und einer erheblichen Temporeduktion nach Mitte der Distanz.

Ich lasse mich deshalb nach 100 Meter bereits ins grosse Hauptfeld zurückfallen und laufe meine Pace. In diesem Jahr haben sich über 1‘000 Läufer/-innen für die grosse Runde in die Startliste eingetragen.

Die ersten Kilometer führen durch die City von Biel. Es stehen viele Zuschauer am Strassenrand und feuern die Läufer/-innen an. Eine tolle Stimmung, die Spass macht.

Ivo Amrein begleitet mich auf dem Fahrrad. Er war auch schon im Jahr 2016 dabei, als ich sang- und klanglos eingegangen bin. Die Fahrradbegleiter dürfen erst bei Kilometer 22 in Lyss einsteigen. Bis dort hat sich das Feld in die Länge gezogen.

Bei Kilometer 17 überqueren wir die Holzbrücke von Aarberg. Hier ist wie jedes Jahr die Hölle los. Cool bleiben und nur nicht das Tempo forcieren.

Schon bald treffe ich in Lyss ein und habe ab jetzt Ivo dabei. Ein kurzes „Hallo“ und weg sind wir. Es läuft mir gut. Ich trinke regelmässig und würge zwischendurch ein Liquidgel runter.

Bei Kilometer 38 in Oberramsern wird erstmals eine Zwischenzeit gestoppt. 3:02:49, was einer Pace von 4:49 Minuten pro Kilometer entspricht. Das Lauftempo stimmt.

Zur Sicherheit nehme ich noch ein wenig Geschwindigkeit heraus. Der angefutterte Kohlenhydratspeicher ist aufgebraucht und die Energiebereitstellung erfolgt nun über die Fettverbrennung. Dieser Prozess benötigt bei mir immer eine gewisse Anpassungszeit.

In Kirchberg, bei Kilometer 56.1, wird die nächste Zwischenzeit erfasst; 4:37:46. Meine Durchschnittspace liegt bis hier nun bei 4:57 Minuten pro Kilometer. Ich verabschiede mich von Ivo, weil für die Radfahrer der nächste Abschnitt gesperrt ist.

Jetzt geht es auf den legendären Ho-Chi-Minh-Pfad weiter dem Emmedamm entlang. In diesem Jahr wurde dieser Abschnitt wegen Totholz (Umsturzgefahr von Bäumen) entschärft. Schade, aber die Sicherheit geht vor. Viel einfacher ist diese Routenwahl trotzdem nicht.

Bei Kilometer 65 treffe ich wieder auf Ivo. Wir sind für das letzte Drittel bereit. Ich weiss, die nächsten 12 Kilometer werden schwierig. Es geht aufwärts und eine ruppige Steigung wartet. Das Lauftempo reguliert sich jetzt von alleine.

Dann treffe ich bei Kilometer 76.7 in Bibern ein. Die letzte Zwischenzeit wird gestoppt; 6:38:05. Die Durchschnittspace steht jetzt bei 5:11 Minuten pro Kilometer. Ich habe ein wenig abreissen lassen, aber es geht mir immer noch relativ gut. Im Gesamtklassement liege ich nun auf Rang 23 und in der Altersklasse M45 auf Platz 4.

Nach Bibern geht es nochmals steil aufwärts und ich beisse mich durch. Danach folgt eine längere Abwärtspassage bis Arch. Das fährt in beide Oberschenkel ein. Nur noch knapp 20 Kilometer bis ins Ziel.

Es wird Zeit um anzugreifen. Jetzt, wenn es am meisten weh tut. Aber es kommt anders… Mein linker Oberschenkel macht zu. Ein Krampf?! Ich checke meine Systeme und versuche die Störungen zu evaluieren, um sie sofort wieder zu beheben. Danach meldet sich auch noch das rechte Bein; Krämpfe von unten bis oben. Ich bleibe stehen und spaziere danach ein wenig weiter. Aber ich komme nicht mehr in die Gänge und lasse auf den letzten 15 Kilometer über 1:50 Stunden auf der Strecke liegen.

Aufgeben ist aber keine Option und ich marschiere Biel entgegen. Nach 9:19:31 habe ich es geschafft und laufe im Ziel ein. Das bedeutet Overall Platz 39 und in der Altersklasse den 9. Rang. Zufrieden? Jein.

 

Lieber Ivo, ich möchte mich nochmals ganz herzlich für deine Unterstützung bedanken. Ohne dich wäre ich vermutlich immer noch auf der Strecke.

 

Nach jedem Ultrawettkampf folgt auch eine Auswertung. Ein guter Gradmesser ist jeweils der Tag danach. Wenn ich dann schon wieder vorwärts und ohne Geländer die Treppe hinunter steigen kann, habe ich mein Leistungspotential nicht voll ausgeschöpft. Dem war so. Also ist noch genug Luft nach oben vorhanden. Bis etwa Kilometer 85 lief alles nach Plan. Ich bin diszipliniert gestartet und habe mich ausreichend verpflegt. Auch nach Mitte der Distanz konnte ich meine Pace noch gut halten. Die hohe Luftfeuchtigkeit und die milden Temperaturen liessen meinen Körper stark schwitzen. Die Verpflegung während des Laufes war mehrheitlich auf Kohlenhydrate und Eiweisse ausgerichtet. Dem Elektrolythaushalt habe ich zu wenig Beachtung geschenkt, was vermutlich die Krämpfe ausgelöst hatte. Das korrigiere ich beim nächsten Ultralauf, wenn ich zum 30. Mal 100 Kilometer oder weiter rennen werde.