Interview Nr. 10 · mit Gerd Müller

gefragt von Lucas Suter

 

Wann und wo bist du zum Laufen gekommen?

Ich habe mit Anfang zwanzig begonnen, relativ unregelmässig kürzere Strecken laufen zu gehen. 2003 hat mein damaliger Mitbewohner Nico vorgeschlagen,  dass sich unsere WG auf den Berlin-Marathon vorbereiten solle. Wettkämpfe war ich bis dahin nicht gelaufen. Gemeinsam haben wir diese Idee dann tatsächlich in die Tat umgesetzt, so dass ich mit 25 Jahren an meinem ersten Marathon teilgenommen habe. Die Vorbereitungszeit war natürlich viel zu kurz und rückblickend war es grober Unfug, mit so wenig Trainings- und Wettkampferfahrung schon einen Marathon zu laufen. Dementsprechend sind wir zwar im Ziel angekommen, haben dafür aber fast fünf Stunden benötigt. Danach war ich so kaputt, dass ich das Laufen erst einmal wieder eingestellt habe. Das Thema hat mich jedoch nicht losgelassen, so dass ich begonnen habe, regelmässiger zu trainieren. Nach drei Jahren habe ich mich dann wieder an einen Marathon herangewagt. Bei diesem zweiten Versuch  konnte ich meine Zeit schon um mehr als eine Stunde verbessern. Dieser deutliche Leistungssprung hat mich motiviert herauszufinden, was läuferisch noch alles möglich ist, und seitdem ist der Laufsport ein wichtiger Teil meines Lebens.

 

Was waren deine persönlichen Highlights beim Laufen/an Wettkämpfen?

Mir fallen hier sofort zwei Wettkämpfe ein, die für mich einen besonderen Stellenwert haben: 2015 bin ich in Frankfurt zum ersten Mal die Marathon-Distanz unter drei Stunden gelaufen, was für mich immer ein Traum war und worauf ich lange hintrainiert habe. Im Jahr davor hatte ich schon einen Versuch gestartet, die Dreistundenmarke zu knacken, musste das Rennen aber abbrechen, was mir mental ziemlich zu schaffen gemacht hat. Umso schöner war dann der erstaunlich entspannte Einlauf auf dem roten Teppich in der Frankfurter Messehalle. Ein zweites Highlight war ein 50km-Trail-Lauf im letzten Jahr in der Nähe von San Jose in Kalifornien. Dies war mein zweiter Wettkampf über die 50km-Distanz und auch hier war der erste Versuch eher schwierig. Damals hatte ich ab etwa Kilometer vierzig mit starken Krämpfen in beiden Waden zu kämpfen, weshalb ich für die letzten zehn Kilometer etwa eineinhalb Stunden benötigte. Der Lauf war trotzdem sehr schön und überaus lehrreich, aber ich hatte hier definitiv noch eine Rechnung offen,  die ich in San Jose begleichen konnte. Trotzdem bei diesem Wettkampf deutlich mehr Höhenmeter als beim vorherigen zu bewältigen waren, konnte ich meine Zeit um fast zwei Stunden verbessern und landete auf dem zweiten Gesamtrang, was ein grossartiges Erlebnis war. Weitere Laufhighlights sind für mich weniger mit Bestzeiten als mit tollen Eindrücken verbunden, z.B. der Lauf von Asien nach Europa über die Bosporusbrücke während des Istanbul-Marathons, Wüstenläufe in Utah und Kalifornien, der Hamburg-Marathon 2017, bei dem ich erst zwei Tage vor dem Start eine Mittelohrentzündung überstanden hatte und dann trotzdem gemeinsam mit Yvonne eine tolle Zeit gelaufen bin, und nicht zuletzt viele Läufe bei Trainingslagern mit dem Verein.

 

Was hast du noch für Ziele im Laufen (Wettkämpfe/Zeiten)?

Die letzten Monate hatte ich mich intensiv auf den Wien-Marathon vorbereitet. Dieser war mein erster Wettkampf in der M40 und ich wollte versuchen, eine neue PB aufzustellen und im besten Falle unter 2:55h zu bleiben. Auf Grund der hohen Temperaturen knapp unter dreissig Grad habe ich dieses Ziel aber deutlich verfehlt. Deshalb werde ich im Herbst oder im nächsten Frühjahr an dieser Stelle wieder angreifen. Bis dahin stehen einige tolle Bergläufe auf dem Programm – der Stelvio-Marathon gemeinsam mit Wolle, der Zermatt-Marathon als Staffel mit Yvonne und im September der Arosa-Trailrun über 53km. Generell werde ich in den nächsten Jahren wahrscheinlich die Sekundenjagd auf der Strasse zurückstellen und mich mehr auf Trail- und Bergläufe an spannenden Orten fokussieren. Die 50 Meilen und die 100 Kilometer stehen auf jeden Fall auch noch auf meiner Liste.

 

Wie bist du zum BRC gekommen?

Da ich bisher noch nicht in Basel oder der Schweiz gelebt habe, war mein Weg zum BRC etwas verschlungen. Mein Freund Nico, der mich schon zum Marathonlaufen gebracht hat, ist vor ungefähr zehn Jahren mit seiner Frau Kathrin von Leipzig nach Basel umgezogen und beide sind dort in den LSVB eingetreten. Über sie habe ich eine LSVB-Läuferin kennengelernt, die für etliche Jahre meine Freundin war. Deshalb bin ich regelmässig in Basel gewesen und habe an vielen Läufen und Veranstaltungen des Vereins teilgenommen. Da ich mich dabei immer sehr wohl gefühlt habe, wollte ich vor meinem zweiten Trainingslager richtig dazugehören und bin LSVB-Mitglied geworden. Als dann der BRC gegründet wurde, haben fast alle meiner engeren Sportfreunde im neuen Verein mitgemacht, so dass ich nicht lange überlegen musste, auch bei der Gründung dabei zu sein. Jetzt komme ich so oft wie möglich nach Basel oder nehme an BRC-Trainingslagern und Wettkämpfen mit den Vereinskollegen teil. Ich würde mich gern mehr als nur bei Helfereinsätzen an Wochenenden im Verein engagieren, was aus der Ferne jedoch schwer möglich ist. Vielleicht lässt es sich ja irgendwann ändern, dass Basel nur meine zweite Heimat ist.

 

Was gefällt dir besonders beim BRC?

Auf diese Frage kann ich nur wiederholen, was andere auch schon geantwortet haben: Die sehr angenehme und familiäre Atmosphäre und das breite Spektrum an sehr unterschiedlichen Läuferinnen und Läufern sind in anderen Vereinen wahrscheinlich nur schwer zu finden. Als Beispiel kann ich das letzte Trainingslager in Can Picafort nennen: dort waren wir 17 Sportfreunde aus sechs Nationen  – alles tolle und spannende Menschen, mit denen ich eine grossartige Zeit hatte. Ausserdem gefällt es mir sehr gut, dass es viele ambitionierte Sportler im Verein gibt, mit denen man es aber nicht nur auf der Laufstrecke, sondern auch an der Bar ordentlich krachen lassen kann.

 

Was ist deine Lieblingswettkampfdistanz und -Wettkampf?

Das ist für mich schon die Marathon-Distanz. Nach mehreren Monaten intensiver Vorbereitungszeit am Start zu stehen und dann auf die Strecke zu gehen, wird für mich immer etwas Besonderes bleiben. Auch wenn die Vorbereitung optimal gelaufen ist, ist es unmöglich vorauszusehen, was dann beim Wettkampf passiert. Ob wie letztens Dauerregen und fünf Grad in Florenz oder wüstenähnliche Verhältnisse in Wien – man muss die Bedingungen nehmen wie sie kommen und gerade die Punkte, die man nicht beeinflussen kann, machen den Laufsport für mich so spannend. Und inzwischen kann ich es auch ganz gut verkraften, ein angepeiltes Ziel nicht zu erreichen, wenn ich dabei unverletzt bleibe und eine tolle Zeit mit meinen Freunden verbringen kann.

 

Du wohnst ja in Leipzig und da nimmt es uns wunder, wie und wo trainierst du überall in der Welt, wenn du nicht gerade bei uns in Basel bist?

Den Grossteil meines Trainings muss ich natürlich in Leipzig bestreiten. Die Stadt liegt in der Leipziger Tieflandsbucht, was schon deutlich macht, dass man hier Berge vergeblich sucht. Die einzige Möglichkeit, in der Nähe meiner Wohnung ein paar Höhenmeter zu bewältigen, ist für mich ein etwa vierzig Meter hoher Hügel, der aus Trümmerschutt nach dem zweiten Weltkrieg aufgeschüttet wurde. Wenn ich den zehnmal hochlaufe, habe ich zumindest einige Höhenmeter in den Beinen. In der letzten Zeit hatte ich die Möglichkeit, einen Teil meines Trainings in Kalifornien durchzuführen – im vergangenen Jahr habe ich für sechs Monate dort gelebt und war erst kürzlich wieder zum Urlaub dort. Beim  Laufen und Velofahren ist es für mich dort wie im Paradies. Wenn ich auf Reisen unterwegs bin, was regelmässig vorkommt, sind die Laufschuhe immer mit im Gepäck. Fremde Orte – sei es in Städten oder in der Natur – auf einem Lauf zu erkunden, finde ich immer sehr schön und spannend. Und natürlich versuche ich, an möglichst vielen BRC-Veranstaltungen teilzunehmen und auch hin und wieder ins Training zu kommen. Gerade, weil ich in Leipzig oft allein trainiere, geniesse ich es immer sehr, mit den BRC-Kollegen unterwegs zu sein.

 

Apropos Arbeit – was machst du überhaupt beruflich??

Ich arbeite als Molekularbiologe an der Universität Leipzig. Dabei erforsche ich Mechanismen der Zellteilung, die wir verstehen müssen, um nachvollziehen zu können, wie Krebs entsteht und um zu lernen, wie dieser behandelt werden kann. Die Forschung kann ich gut mit dem Marathonlauf vergleichen: Man braucht einen langen Atem, es gibt immer wieder Rückschläge und es kann auch mal richtig wehtun, aber trotzdem will man immer weiter machen, weil es sich unglaublich gut anfühlt, wenn erst einmal ein Ziel erreicht ist. Im Gegensatz zum Laufsport, den ich ja nur für mich mache, finde ich es toll, dass ich mit meiner Forschung einen kleinen Beitrag zum Wissen der Menschheit leisten kann. Auch bei der Ausbildung der nächsten Wissenschaftlergeneration bin ich mit Freude dabei: neben der Forschung halte ich Vorlesungen und führe Seminare und Praktika in den Bereichen Molekulare Onkologie und Immunologie durch.

 

Gibt es sonstige Sportarten oder auch anderweitige Interessen, die Dich beschäftigen?

Vor einigen Jahren habe ich zusätzlich zum Laufen mit dem Rennvelofahren angefangen. Das war zunächst nur als Ausgleichssport gedacht, macht mir aber grossen Spass, so dass ich zwar nicht an Wettkämpfen teilnehme, aber so oft wie möglich auf dem Rad unterwegs bin. Die Alpenüberquerung vom Bodensee zum Gardasee war ein tolles Erlebnis, an das ich immer gern zurückdenke. Ich habe mir auch schon lange vorgenommen, die USA mit dem Velo zu durchqueren, habe dazu aber bisher nicht die Zeit gefunden. Überhaupt ist es hauptsächlich ein Mangel an Freizeit, der mich von weiteren sportlichen Aktivitäten abhält. Ich würde mich auch gern am Triathlon versuchen, aber da ich bin kein guter Kraulschwimmer bin, müsste ich viel Zeit investieren, um nicht mehr als komplette Blei-Ente unterwegs zu sein. Bisher musste ich oft zwischen Schwimm- und Lauftraining wählen – eine Entscheidung, bei der das Laufen immer die Nase vorn hat. Früher war ich auch recht viel zum Wandern und Klettern in den Bergen unterwegs, was aber in den letzten Jahren leider auch oft hinten anstehen musste. Ansonsten reise ich sehr gern und wenn ich doch mal zu Hause bin, nehme ich mir gern Zeit, meine vielen Kakteen zu pflegen.

 

Hat bei dir das Laufen irgendwie ausgewirkt in andern Bereichen, bei der Arbeit oder in der Art wie du Dinge angehst??

Absolut. Ohne den Laufsport hätte mein Leben gerade in den letzten zehn Jahren komplett anders ausgesehen. Zum Beispiel hätte ich nicht diese enge Verbindung nach Basel bekommen, die mir sehr wichtig geworden ist und wo sich ein grosser Teil meiner Freizeit abspielt. Generell dreht sich vieles in meinem Leben um den Laufsport – jeder, der einmal eine Marathonvorbereitung durchgezogen hat weiss, dass in dieser Zeit viel nach dem Training ausgerichtet werden muss und für andere Sachen wenig Zeit bleibt. Ich sehe es als positiven Effekt an, dadurch immer wieder überlegen zu müssen, was mir wichtig ist und was nicht. Ich bin auch sehr froh, über das Laufen zu einem bewussten Lebensstil gefunden zu haben und behaupten zu können, dass ich jetzt wesentlich fitter bin als vor zwanzig Jahren. Ob das Laufen ansonsten meine Art, Dinge anzugehen, geändert hat, vermag ich schwer zu sagen – ich weiss ja nicht, wie sich mein Leben ohne den Laufsport entwickelt hätte. Auf jeden Fall habe ich durchs Laufen und alles, was damit zusammenhängt, sehr viele spannende Erlebnisse gehabt und viele Erfahrungen machen können, wofür die ich sehr dankbar bin.