Abgesang eines Marathons – R.I.P. LGM

1. International Lake Garda Marathon! Als ich dies im Jahre 2007 las, war für mich klar: Da muss ich mitlaufen! Und erst die Strecke, von Limone via Riva del Garda, Torbole, Arco, Navene bis Malcesine. Zuerst über die Occidentale, dann über die Orientale, den beiden Küstenstrassen des Gardasees inklusive den atemberaubenden Ausblicken. Mir als Radfahrer bereits gut bekannt und geliebt. Eine wirklich schöne Marathonstrecke, von ein paar wenigen Kilometern zwischen Arco und Torbole mal abgesehen. Und dann Siegerehrung auf der Piazza in Malcesine!

Die Premiere war wirklich schön, noch nicht ganz fehlerfrei, aber schon verdammt gut. Einige schnelle Kenianer liefen vorneweg und was mir besonders gefiel: Es war ein reiner Marathon, nichts anderes, kein Ginki-Run oder irgendeine störende Staffel. Wer hier lief war ein echter Marathonläufer.

Vier Jahre später, 2010, nahm ich zusammen mit Wolle, Luki und einem Freund erneut teil. Leicht veränderte Strecke, aber im Grunde noch das Gleiche. Nur die Afrikaner waren nicht mehr da. Uns störte das nicht, Luki schaffte es damals auf den zweiten Gesamtrang. Immer noch ein schöner Marathon.

Eins war klar, irgendwann laufe ich hier wieder, die Strecke ist einfach zu schön. Dieses Jahr sollte es dann sein, endlich. Das erste Problem tauchte aber schon sehr früh auf: Es dauerte ewig, bis der Termin offiziell war. Ebenfalls auffällig: Die schlechte Webseite mit alten Inhalten und falschen Verlinkungen. Eine Katastrophe!

Das Anmeldeprozedere war dann unglaublich kompliziert, ein neuer Zeitnahmedienst. Dann die News auf Facebook: Es gibt eine neue Strecke. Start in Malcesine und hinauf bis Arco und zurück. Limone und der schöne Teil an der Westküste komplett gestrichen.

Es sollte noch dicker kommen: 1 Tag vor dem Rennen erfahren wir, dass die Strecke nochmals geändert wurde! Wie lange die Strecke des zusätzlichen Longruns wirklich ist, war bis zum Start völlig unklar. Auf der Homepage stand 30km, auf dem Plakat 28 und auf Facebook war von 26km die Rede. Was ein Chaos.

Ob wir wirklich registriert waren, wussten wir nicht, eine Bestätigungsmail kam nie an.

Nach diversen Recherchen finde ich heraus, dass es im Jahr zuvor einen marathonistischen Supergau gab: Der Marathon wurde 5min vor dem Start abgesagt und auf 30km verkürzt! Angeblicher Grund: Sicherheit. Wegen der stattfindenden Wahlen wurde die Strecke nicht freigegeben. Weiss man ja auch erst Minuten vorher. Der Veranstalter, die Eventfirma Garda Supersport, versprach das Startgeld zurückzuzahlen. Aber nur wer mit Rechtsanwalt drohte, bekam das Geld wirklich zurück.

So schlimm kam es bei uns zum Glück nicht, der Marathon fand pünktlich statt, aber die Strecke war ziemlich zusammengebastelt, vor allem an der Wendeschleife.

Ich redete mit dem OK-Präsidenten Stefano Chelodi, er bedauerte alles und wirkte sehr hilflos. Als ich ihn während des Marathons selbst als Streckenposten sah, war mir einiges klarer. Die Organisation hatte keine Helfer, so erklärten sich auch die fehlenden Kilometerschilder und teils mangelhafte Wegmarkierung. Immerhin waren genügend Verpflegungsstellen vorhanden.

Aber was war hier geschehen, wie kann ein zuvor so schöner Marathon so verkommen?

Der Wahrheit komme ich bei einem Gespräch mit unserer Hotelchefin näher: Man will den Marathon am Gardasee nicht mehr. Man, damit sind die einflussreichen Touristikverbände gemeint. Der Marathon ist für sie zum Störfaktor geworden. Anfangs viel umjubelt wurde er von der Touristikbranche unterstützt, man erhoffte sich zusätzliche Gäste und damit klingende Kassen. Die Erwartungen blieben aber nach einigen Durchgängen unter dem, was sich die Touristikbranche so vorstellte. Sie drehten den Geldhahn zu und dem Marathon allmählich die Luft ab.

Stefano Chelodi erläuterte mir auch die Problematik der drei Regionen. Bei Namen Lombardia, Trentino und Veneto. Der Marathon führte durch die drei untereinander verstrittenen Teile Norditaliens und bei jeder Regierung muss man sehr mühsame Genehmigungen einholen, alles dreimal. Die Lombardei zog als erstes die Reissleine und verbannte die Marathonis aus ihrem Gebiet. Dadurch fiel der Startort Limone weg.

Die Gemeinde Arco sah auch mehr eine Störung ihrer sonntäglichen Touristenströme, als eine Bereicherung ihres langweiligen Gelateria-Pizza-Daseins und gab nur noch eine bedingte Erlaubnis auf den Velowegen.

In Malcesine sorgte dann noch eine Baustelle, die nicht fristgerecht fertig wurde, für eine Streckenänderung. Dafür dann andere Strassen nutzen? Niente! Und überhaupt, wo es den Radweg hat, wird nicht mehr auf der Strasse gelaufen! Also blieb dem armen Stefano wohl nichts Anderes übrig, als die Strecke kurz vor Arco zwischen den Supermärkten so oft u-turnen zu lassen, bis die Strecke halbwegs auf die Distanz kam. Sowas weiss man dort natürlich erst 3 Tage vor der Veranstaltung. Plan-B? Che cos`è?

Nächstes Jahr wird es ihn nicht mehr geben, den Lake Garda Marathon, nach der 13. Austragung ist Schluss. Einerseits gut so, denn ein solcher Marathon ist mühsam für alle Beteiligte. Aber man darf die Schuld nicht nur auf die Verwaltungen und Touristikverbände schieben. Wenn eine Eventfirma einen Marathon veranstaltet, dann sollte sie sich einen lokalen Laufverein an die Seite holen, die die Läufer verstehen und mit Herzblut dabei ist. Versagen auf allen Ebenen – anders kann man es nicht bezeichnen. Wohl ein perfektes Beispiel dafür, warum es in Italien nicht vorwärts geht. Andererseits war es ein Marathon mit mega Potential – in einer Traumkulisse! Aber der klassische Gardaseetourist ist wohl eher das Gegenteil eines Marathonläufers und fühlt sich beim Herumschlendern gestört.

Das Schöne der letzten Austragung: Die Siegerin kommt vom BRC, Gudrun hatte ihre Chance perfekt genutzt und den Trentinern ein wenig die Suppe versalzen, Monica Carlin hätten die Veranstalter als Lokalmatadorin wohl lieber als Prima Donna beim letzten LGM gehabt. Niente amici!

Nein, liebe Lombarden, Trentiner und Venetier. Das war keine Werbung für die Region. Und so müsst ihr euch nicht wundern, wenn man dort Vieles auf Pizza und Gelato reduziert. Marathon könnt ihr nicht, das habt ihr bewiesen. Dabei hättet ihr eine solch tolle Strecke und es würde prima zum Gardasee passen. Mehr als schade, ich hab den Marathon gemocht.

R.I.P. International Lake Garda Marathon.