Gudrun gewinnt den International Lake Garda Marathon

Vorwort:
Der anschliessende Bericht ist nicht gerade kurz. Ich möchte aber gerne präzise darüber berichten, was ein Pacemaker, der die Siegerin begleitete, gedanklich und emotional erlebte.

Ein Marathon mit der prima donna di lago di garda

Gardasee! Das ist, für diejenigen, die es gut kennen und lieben, ein Paradies auf Erden. Aber auch ein Fleck, wo sich, vor allem im Sommer, Touristenbusse stapeln und rund um den Lago kräftig Kasse gemacht wird. Ein guter Platz für einen Marathon? Eigentlich wie geschaffen, zumindest was die Landschaft im Nordteil des berühmten Sees betrifft. Relativ flache Strassen und ein beeindruckendes Panorama. Und das Wetter ist im Herbst auch nicht so übel, wenn nicht gerade ein Tief von Genua her in die Alpen drückt.

Das Letztere besuchte den Lago leider genau am Wochenende des Marathons. Die Aussichten waren dann in der Vorwoche auch entsprechend: Regen, Regen, Regen. Davor und danach: Sonne, toll. Am Samstag behielten alle Wetterapps dann Recht, es blieb den ganzen Tag nass. Und plötzlich der Lichtblick: Sonntag soll es zumindest trocken bleiben!

Beim frühen Aufstehen galt der erste ängstliche Blick aus dem Fenster dem Himmel: Blau mit ein paar Wolken! Unser Marathon war gerettet!

Traumkulisse Gardasee (Hafen bei Torbole) – Foto: Ruth Leuch

Eine halbe Stunde vor dem Start fuhr eine interessante Gruppe mit Touristenvelos, von den entgegenkommenden Rennradfahrern erstaunt beäugt, auf der SR 249 in Richtung Centro Sportivo in Malcesine. Vorneweg Ruth und Maren, die Letztere mit einem markantem 8er im Hinterrad. Sie waren zum Supporten bereit, Maren konnte wegen Schmerzen im Fuss leider nicht selber laufen. Dann Sarah mit ihren fliegenden blonden Haaren, motiviert für den Garda Longrun über 30, 28 oder 26 Kilometer? Bis zum Start war die Streckenlänge noch unklar, es sollten letzten Endes 26 sein.
Und dann Wolle, der beim Marathon genauso eingeschrieben hatte wie Gudrun und ich.

Gegenüber den Vorjahren wurde die Strecke stark verändert. Start und Ziel war jetzt Malcesine mit dem markanten Castello. Das Wetter zeigte sich von bester Seite, angenehme 17 Grad und die Sonne kam allmählich hinter dem Monte Baldo hervor. Pünktlich auf die Sekunde ging es um 9:30 Uhr los, Sarah musste sich zu diesem Zeitpunkt mit ihrem Longrun allerdings noch 10 Minuten gedulden.

Vom Beginn an lief es unproblematisch und Gudrun inklusive Loki konnten sich im Vorderfeld des Marathons platzieren. Kilometer 1 sass perfekt: 4:21 – wie vorgesehen! Klar begann ich gleich mal die Lage betreffend Platzierung zu checken, eine schnelle Frau lief vor uns und zwei Mädels folgten uns dicht auf. Ich wusste genau, dass Gudrun das interessierte, wir ticken in dieser Hinsicht gleich, wenn die Chemie stimmt, weiss man, was die Läuferin denkt. Kilometerschilder zur Pacekontrolle suchten wir hingegen vergeblich, erst nach 5000m erschien eine Tafel. Kurze Zeithochrechnung, wir waren perfekt auf Kurs.

Der neue Radweg war recht unruhig, nicht völlig schlecht zu laufen, aber teilweise wellig und kurvig. Eine fantastische Aussicht bot er allerdings, wow, es war schon schön am Gardasee.

Die führende Frau lief mit einem Abstand von ca. 20 Meter vor uns, sie vergrösserte ihn aber nicht, für mich ein Zeichen, dass sie nicht zwingend schneller lief als Gudrun. Die beiden Läuferinnen hinter uns hatten zwischenzeitlich abreissen lassen, ihnen war unser Tempo zu schnell. Gudrun war diese Frau schon beim Einlaufen aufgefallen: „Die ist schnell, das sieht man“, war ihr Kommentar. Mir gefiel das sehr, sie hatte ihre Konkurrenz im Blick und behielt recht.

Bei Kilometer 6 endete der neu angelegte Radweg abrupt mit einem U-Turn und anschliessender steilen Rampe hinauf auf die Küstenstrasse. Lecks mir, das war schon ein rechter Tempobrecher, und ich hatte den nicht auf dem Plan. Auf der SR 249 ging es dann gleich auch noch leicht bergan, nicht gerade erholsam. Die führende Italienerin hatten wir nun direkt vor uns, erstmal eine perfekte Ausgangslage, was die Position betraf. Die ersten Tunnels und Galerien kamen und damit fiel auch unsere letzte Orientierungsmöglichkeit betreffend Pace aus, denn das GPS funktionierte hier nicht mehr. Jetzt half nur Körpergefühl.

Das Laufen machte Spass, es war angenehm, einzig auf die rutschige und feuchte Fahrbahn musste man achten, stellenweise spürte man, wie die Schuhe etwas rutschten. Bei einer Verpflegungsstelle nahm die Führende ein Wasser und plötzlich war Gudrun vorne, sie konnte ja nicht deswegen bremsen. Das gefiel ihr nicht so recht, denn jetzt hatte sie die Italienerin im Rücken.

Es war spannend geworden an der Frauenspitze, die Läuferin aus Trient zog wieder neben uns und mit einem weiteren Läufer bildeten wir jetzt eine gute und schnelle 4er-Gruppe. In einer kurzen Unterhaltung mit dem anderen Läufer, den wir fälschlicherweise als Pacemaker der Italienerin vermuteten, fand ich heraus, dass sie eine Marathonbestzeit von 2:43 hatte! Aber kein Grund zur Panik, dass würde sie heute nicht laufen, das war ziemlich klar. Aber sie hatte sicher eine Menge Erfahrung, das stand ausser Frage. Ich hörte mal genau auf ihre Atmung und ich wagte zu behaupten, dass sie auf einer höheren Frequenz lief, als Gudrun.

Die Gruppe mit den beiden führenden Frauen in der Galeria bei Tempesta (Foto: Maren Tritschler)

Kaum hatte ich den Gedanken zu Ende gedacht, fiel sie ein wenig zurück. Meine Wahrnehmung bewahrheitete sich schneller als gedacht. Aber sie bewahrheitete sich nur ein kurzes Stück, denn die Trentinerin lief wieder auf und dann neben uns. Die Spannung stieg, und dass schon bei Kilometer 12!

„Wir müssen unser Tempo laufen“ liess ich Gudrun wissen, „wir dürfen uns nicht an ihr orientieren, das wäre gefährlich“. Aber das war gar nicht so einfach, wenn man weder GPS noch Kilometer-Angaben auf der Strecke hatte. Das Gefühl ist dann schön und gut, aber sobald eine Konkurrentin in der Nähe ist, lässt man sich automatisch mitreissen.

Was mir klar war, wollte ich Gudrun nicht wissen lassen: Der Kampf um den Gesamtsieg lief bereits. Der Marathon hatte ja noch nicht einmal begonnen, als Pacemaker musste ich unbedingt die Nerven behalten und noch deutlicher auf das Tempo schauen. Das war jetzt spannend.

Torbole war nach 14 Kilometern erreicht und plötzlich zog die Italiernerin an, „wir bleiben bei unserer Pace“ rufe ich Gudrun zu, sie nickte und sah das natürlich genau so. Weit lief die Trentinerin allerdings nicht davon, die Strecke wechselte jetzt auf einen Promenadenweg aus Natursteinen und einigen Zickzack-Ecken inklusive herumschlendernden gelangweilten Touristen, die sich an unserer Marathonbegeisterung recht wenig erwärmen konnten.

Und genau in diesem nicht gerade läuferfreundlichen Mix gab es eine entscheidende Situation: Die Italienerin liess Gudrun vorbei, oder besser gesagt, Gudrun überholte sie einfach. Ich musste ihr logischerweise hinterher. Und natürlich hörte ich verdammt genau hin, als ich die Trentinerin überholte: Sie atmete deutlich lauter als zuvor.
Wenn man jetzt das Tempo erhöhen würde, dann müsste sie abreissen lassen, keine Frage. Aber genau das wäre in diesem Moment des Marathons der grösste Fehler!
„Sie atmet schwerer“, lasse ich Gudrun sofort wissen, „aber auf keinen Fall das Tempo erhöhen, wir bleiben bei unserer Pace“. Das war aber zwischen Hafenmauern, Blumenkübeln und Touristen nicht so ganz einfach. „Nicht pushen“, ich weiss gar nicht mehr, wie oft sich die arme Gudrun das anhören musste.

Der Radweg hinaus nach Arco war erreicht, endlich Schluss mit Zickzack zwischen Parkbänken, Hafenmauern und Schlendrians. Erleichterung? Vorerst nicht, denn der Radweg verlief auf und ab, mal über eine Brücke mit scharfen Ecken, mal hinunter zum Fluss und wieder hoch. Um es nicht zu leicht zu machen waren an den engsten Ecken natürlich noch Spaziergänger inklusive Kinderwagen im Weg. Wissen die denn nicht, dass hier Marathon ist? Nein, woher sollten sie auch, wir waren ja schon froh, die Laufstrecke zu finden. Zum Glück kannte ich die Richtung: Arco. Die Sonne spürte man jetzt, es war sehr warm geworden und jeder Schatten war willkommen.

Aber dann wurde der Weg endlich ruhiger und man konnte das Tempo ein wenig normalisieren. Gudruns Konkurrentin hatte deutlich Mühe, der Abstand wurde grösser, das waren jetzt schon über 100 Meter. Aber wir kennen die Marathongesetze, vor der Ziellinie ist nichts entschieden und bis dahin waren es noch 25 sehr lange und harte Kilometer.

Es zog sich nun in Richtung Arco, für mich nicht unerwartet, hatte ich diesen Marathon doch schon zweimal absolviert. Ganz leicht steigt der Weg, nicht sonderlich viel, aber man spürt es. Die Radfahrer, die das unerwartet schöne Wetter an diesem Sonntag natürlich auch nutzten, waren für uns nicht gerade eine Hilfe.

Gudrun war motiviert, ich fragte sie, ob sie, falls sie die Führung bis km 30 ausbauen kann, auf Sieg laufen möchte und dann eventuell etwas rausnehmen will, um auf Nummer sicher zu gehen, oder ob sie ihr Zeitziel unbeachtet der Siegchance durchziehen möchte. Ihre klare Zusage für Variante 2 machte mir deutlich: Gudrun war top drauf und voll motiviert. Aber wie war bis dahin unsere Pace? Kilometer 20 sollte Aufschluss bringen: Durchschnitt von 4:21min/km. Das war perfekt!

Wer Marathon läuft, der weiss: Es kann viel passieren, vor allem, wenn er noch gar nicht begonnen hat. Aber wann beginnt denn eigentlich ein Marathon? Für mich ganz klar bei Kilometer 25! Und dort waren wir noch lange nicht, erst in 5 Kilometern. Aber wenigstens kam die Wende gleich und dann ging es endlich zurück.

Die Italienerin hatte nun wirklich richtig draufbekommen, sie war nur noch ganz in der Ferne zu sehen. Gleich kam der Turn, dann wissen wir den Abstand ganz genau „und schau dass du motiviert kuckst“, sag ich mit einem Lächeln zu Gudrun, „sie wird dir ins Gesicht schauen!“.
Ich begann mir in Gedanken auszumahlen, wie Gudrun als Siegerin in Malcesine am Campo sportivo einläuft, ich würde es ihr so sehr gönnen.

„Scheisse“ rief Gudrun, es war wie ein Blitz, der mich durchzuckte. Holte mich jäh aus meinen Bildern zurück. „WAS?“ fragte ich sie sofort, „was ist los, geht’s dir nicht gut?“. „Die Kraft“ lässt Gudrun mich wissen. Verdammt, das war jetzt eine schwierige Situation. Trainer, Pacemaker und guter Freund waren jetzt alle 3 voll gefordert!

„Wir drehen jetzt und dann geht’s erst einmal ganz leicht bergab!“, ich hoffte, dass dies Gudrun mental aufstellte. Der U-Turn kam, und was für einer, auf 1.50m Breite wurde gewendet! Nach 200 Metern kam die Trentinerin entgegen, „die kommt schon“, sagte Gudrun. „Die hat noch draufbekommen“ versuchte ich sofort, ihre Zweifel zu entkräften.

Ein sehr schwerer Moment jetzt, was tun als Pacemaker? Zur grossen Überraschung liefen wir nicht gleich den Weg zurück, sondern mussten eine Steigung hoch um nochmals einen U-Turn auf engstem Raum zu vollziehen, krass! Gudrun war gar nicht begeistert, liess ihrem Unmut Luft „Diese Steigungen, wann hören sie auf?“.

Wir liefen endlich wieder auf dem Radweg, die Trentinerin kam noch nicht entgegen. „Sie hat uns aus dem Blick verloren“ lasse ich Gudrun sofort wissen um sie aufzustellen. Ihr Atem ist hoch, zu hoch, so gut kenne ich sie, ich war besorgt. Geht ihr Traum von einem Sieg schon so schnell zu Ende?

„Wir nehmen etwas raus, so in Richtung 4:30, bis dein Atem wieder ok ist“. Was beim nächsten Kilometer mit 4:20 noch nicht gelingt, funktioniert aber auf dem Nächsten. Mittlerweile kamen die anderen Marathonläufer entgegen, immer mehr, es wurde eng auf dem Radweg, denn die Velofahrer waren ja auch noch unterwegs.

„Bravo“, „Prima Donna“, riefen uns die anderen Läufer und Läuferinnen entgegen „Complimenti“! Gudrun grüsste hin und wieder zurück, sie erholte sich etwas, der Atem hörte sich wieder ein klein wenig besser an. Und die Italienerin hinter uns? Nicht zu sehen, auch auf den langen Geraden nicht. Kilometer 25 war erreicht, verdammt, jetzt begann der Marathon erst und Gudrun war doch schon etwas am kämpfen.

Endlich kam wieder die unruhige Hafenpassage von Torbole, wenn wir die hinter uns hatten, dann konnten wir wieder besser laufen, dann war Platz auf der grossen Hauptstrasse. Bis dahin gabs aber noch eine kleine Challenge, vor allem für mich als Pacemaker: Das Touristenaufkommen hatte sich auf Grund des schönen Wetters in der letzten Stunde mehr als verdoppelt! „Attenzione“ rief ich immer wieder. Zum Glück machten fast alle anständig Platz und feuerten Gudrun sogleich an, eine tolle Geste. Aber nur fast alle, einige unbewegliche Zeitgenossen scherten sich einen feuchten Furz um unseren Marathon. Ein weiteres lauteres und deutlich motivierteres „ATTENZIONE“ schaffte dann Klarheit und freie Strecke für Gudrun. Natürlich zu Lasten meiner Atemluftversorgung, das Tempo war ja für mich auch nicht gerade ein Spaziergang.

Die letzten 14km stehen bevor – Torbole (Foto: Maren Tritschler)

„La prima Donna“ schallte es aus den Lautsprechern beim Durchlaufen der Eventzone in Torbole, das beflügelte Gudrun, ein weiteres Gel gab ihr zusätzlich etwas Power, zumindest mental. 28 Kilometer waren vorbei, die Hauptstrasse endlich erreicht. Ich erblicke Maren und Ruth und gebe kurz die Anweisung, sie sollen mal den Abstand zur Zweiten stoppen.
Gudrun kämpfte jetzt, „Scheisse“, liess sie ihrem Unmut über die erneute leichte Steigung nach Tempesta freien Lauf. „Wann hören diese Steigungen endlich auf!“

Trotz Anstrengung läuft Gudrun noch gut (Foto: Maren Tritschler)

Apropos Gel: Gudrun hatte sich für ein Präparat entschieden, dass eine zusätzliche Wasseraufnahme zum Geschmier nicht notwendig machte. Perfekt, ausser für den Pacemaker und dessen Gurt, denn die Tütchen waren entsprechend schwerer und grösser. 5 Minuten nach dem Start popelte ich unbemerkt von ihr bereits 2 aus dem Gurt, das wackelte deutlich zu stark. Ein Dritter verliess ungewollt die Halterung und platschte auf die Strecke. Ich sammelte ihn ein und warf die drei dann Ruth überraschend vor die Füsse, Maren gab sie mir dann auf den letzten 14 km wieder zurück.

Unser Tempo war zwischenzeitlich weiter zurückgegangen, klar, das Hin- und her in Torbole und jetzt die leichte Steigung nach Tempesta. Endlich tauchte Maren mit dem Fahrrad auf „ca. 2:15 Minuten, und die sieht nicht gut aus“, liess sie uns wissen. Das war eine gute Nachricht, über 2 Minuten ist eine Menge Holz. Aber wer Marathon kennt, der weiss, wie schnell die verloren sind, da reichen schon 2 Kilometer, wenn man auf der Felge ist. Aber wenn sie selber schon kämpft? Aber tut sie das wirklich?

Seit Torbole hatten wir ein Motorrad als Begleitung der führenden Frau (Foto: Maren Tritschler)

Gudrun war auf jeden Fall am kämpfen, ich versuchte alle Tricks, um sie motiviert zu halten. Über einen möglichen Sieg zu reden war noch zu früh, Zweite war sie ziemlich sicher, das war klar, die Dritte hatte beim Entgegenkommen einen riesigen Rückstand. Noch 9 Kilometer und es ging immer noch leicht bergauf. Ein schwieriger Moment. Ich bat Maren mit einem kurzen Halt bei ihr, sie auch etwas zu motivieren.

Ruth tauchte von hinten auf „Super Gudrun, du hast gut 300 Meter Vorsprung!“, „Verdammt, die holt auf“, ruft Gudrun. Ich frage Ruth sofort, ob sie den Abstand nochmals exakt stoppen könnte. Derweil versuchte ich Gudrun auf Zug zu halten.

Der Radweg kam allmählich näher und damit auch die letzten 5 Kilometer. Gudrun kämpfte jetzt noch mehr, aber sie lief immer noch anständig, dass sah noch gut aus. Aber sie war am leiden, das spürte ich. Wo bleibt die Ruth? Sie hat doch ein E-Bike?

Aber eigentlich war es ja ein gutes Zeichen, dass Ruth lange weg war. Dann endlich „Ich hab jetzt 3 Minuten gebraucht, um von ihr zu euch zu gelangen“ rief Ruth. Uff, ich wollte doch den Abstand gestoppt wissen, aber dann überlegte ich, wenn Ruth 3 Minuten brauchte, dann würde das die Italienerin natürlich auch brauchen, oder? Egal, der Abstand war gross.

Endlich führte die Strecke beim Ort Navene wieder auf den Radweg, steil bergab, U-Turn und als wir ca. 1 Kilometer dort hinter uns hatten, schaute ich zurück. Die Strecke machte hier einen langen Bogen, man sah sehr weit nach hinten: Niemand zu sehen! „Die holt dich nicht mehr“ sagte ich sofort zu Gudrun.

Ich versuchte sie auf Geschwindigkeit zu halten, redete wahrscheinlich etwas zu viel „Ruhe jetzt“, liess Gudrun mich wissen. Von dem Vorschlag, noch 3 Kilometer auf Zug zu bleiben, und dann je nach Situation die letzten beiden herauszunehmen, wollte sie überhaupt nichts hören. Konnte ich verstehen und ich konzentrierte mich auf meinen eigenen Laufschritt.

Die Kilometer schlichen bei dieser Ruhe wie Berner Weinbergschnecken vor sich hin, jedes Mal, wenn ich auf meine Uhr schaute, waren es nur 100 Meter mehr. Dann endlich waren es nur noch 2. „Schau bitte genau, ob sie nicht mehr kommt“, rief mir Gudrun zu. Ich schaue und sehe eine Läuferin, sie joggt aber und hat mit dem Marathon nichts am Hut. „Alles gut“ liess ich Gudrun wissen.

Der letzte Kilometer war angebrochen, es war höchste Zeit! „Du kannst dich feinmachen für den Zieleinlauf!“, „Du wirst den Gardasee Marathon gewinnen“. Gudrun blieb konzentriert!
Wir sahen den Zielbogen bereits und die Sonne schien, was ein grossartiger Moment! „Das ist dein Zieleinlauf, lauf Gudrun!“ „Du kommst mit, dass ist auch deiner“ liess sie mich wissen. Und dann ist dieser grossartige Moment da, dreimal durfte ich persönlich das Gefühl eines Marathonsieges erleben, jetzt war Gudrun an der Reihe, welch Emotionen! Und sie hatte es sowas von verdient! Gudrun gewinnt den Gardasee Marathon!

Und die Zeit? Uns interessierte sie nicht, andere auch nicht. Gudrun war Prima Donna, alles Andere war jetzt egal! Und ihr Pacemaker lief genau 1 Sekunde nach ihr über die Linie, ein wenig Gentleman muss man trotz der Frauendemos noch bleiben.

Sarah war die Erste, die gratulierte! Sie hatte ihren 26 er in 2:25 geschafft. Dann Maren und Ruth, welch Freude in der Sonne von Malcesine! Und Wolle holte noch den 15. Gesamtrang bei den Männern. Sein Endspurt vor dem Ziel war natürlich obligatorisch! Im Weg stand zum Glück niemand.

Eine Stunde nach dem Zieleinlauf dann der grosse Moment für Gudrun: Als Gesamtsiegerin stand sie auf dem höchsten Podestplatz! Ihr Pacemaker und Trainer staubte dann auch noch was ab, denn Gudrun lief so schnell, das er als 5. noch in die Top10 kam!

Das Team am Gardasee

Die Trentinerin, es war Monica Carlin vom GS Valsugana Trentino, kam übrigens mit 3:08:39 und mit 2:06 Minuten Rückstand auf Gudrun ins Ziel. Welche Zeit unsere „Prima Donna“gelaufen ist, das kann jetzt jeder selbst ausrechnen.

Wie Eluit Kipchoge bei seinem unglaublichen Lauf in Wien sagte: Dahinter steht ein Team, nicht nur er selbst, ohne das Team hätte er es nicht geschafft. Ich denke, Gudrun sieht das genauso, ihr Team waren Ruth, Maren, Sarah, Wolle sowie ihr Pacemaker und Trainer. Aber auch die sehr sympathische Familie Alesi unseres tollen Hotels.

Gudrun wird übrigens die letzte Siegerin des Lake Garda Marathons sein, ein kritischer Abgesang der einst tollen Veranstaltung könnt ihr im nachfolgenden Bericht lesen.
Mit der Leistung von Gudrun hat das aber nichts zu tun, nur insofern, dass sich die Chancen auf eine Top-Platzierung für sie erhöht hatten. Sie hat sie mit tollem Kampf genutzt! Wahnsinn!

Wolle fliegt auf Gesamtrang 15 (Foto: Ruth Leuch)

Sarah kurz vor dem Wendepunkt in Torbole (Foto: Maren Tritschler)

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