Interview mit Christian Kreienbühl

Im Einverständnis mit Albis Reisen (www.albisreisen.ch) veröffentlichen wir hier ein interessantes Interview mit Christian Kreienbühl im Hinblick auf den Berlin Marathon am 29. September 2019. Das Interview wurde von Albis Reisen am 5. September 2019 durchgeführt
 

Der grosse Saisonhöhepunkt der Berlin Marathon findet in gut drei Wochen statt. Wie liefen die Vorbereitungen für dich als „Halb-Profi“? Hast du Neues ausprobiert?

Ich habe wie gewohnt zweimal je 4 Wochen im Höhentrainingslager im Oberengadin verbracht. Der erste Block lief sehr harzig, weil ich mit ziemlich schlechter Form “eingerückt” bin. Der zweite Block lieft dann sehr gut, die Marathon-Form kam zurück und einige Einheiten liefen mit einem tollen Laufgefühl fast wie von alleine. Leider entwickelte sich innert sehr kurzer Zeit eine Überbelastung in meiner Hüfte und ich kann seit knapp einer Woche nur noch alternativ trainieren (Bike, Rennrad, Aquajogging). Die genauen medizinischen Abklärungen laufen zur Zeit. Ob ich es an die Startlinie des geplanten Saisonhöhepunktes schaffen werde, ist zur Zeit leider fraglich.

Absichtlich neu ausprobiert habe ich nichts. Meiner Erfahrung nach sind Marathonläufer grundsätzlich nicht besonders experimentierfreudig. Das ist nicht schlecht, denn ein funktionierendes System sollte man nicht (schnell) verändern.

Neu ist dieses Jahr, dass wir als Familie ins Engadin gereist sind und dass nicht mehr ich alleine den Trainingsrhythmus vorgebe, sondern unser knapp 1 Jahr alte Sohn lautstark mitbestimmt. Er ist natürlich die allerschönste Abwechslung im teilweise etwas monotonen Trainingsalltag (schlafen, essen, trainieren)!

Welches war dein persönliches Sommer-Trainings-Highlight im Engadin?

Kurz vor der Verletzungspause hatte ich zwei, drei intensive Einheiten mit anderen Schweizer Marathonläufern (Adrian Lehmann, Marcel Berni, Patrik Wägeli, Geronimo von Wartburg, Fabian Kuert), die wirklich gut liefen. Zusammen mit der schönen Natur ein Highlight. Daneben genoss ich einige kürzere, lockere Trail-Läufe über Wege, die ich noch nie gelaufen bin. Als spezieller Höhepunkt in Erinnerung bleibt mir, als wir während eines Dauerlaufes einem Bauern helfen mussten seine Kuh über eine Brücke zu stossen, weil diese Angst hatte diese zu überqueren…

Wir wollen es genau wissen? Hobbysportler laufen in der Regel 3 Wochen vorher den längsten Trainingslauf, wie läuft das bei dir aktuell?

Ziemlich ähnlich. Geplant war der längste Longrun (40 Kilometer in ca. 3:40-3:50) eigentlich heute, also gut 3 Wochen vor dem Marathon.

Bestreitest du noch einen kurzen Wettkampf vor Berlin?

Geplant ist/war eine Teilnahme am Altstätter Städtlilauf über 8.9 Kilometer. Vor jeder meiner drei Berlin Marathon Teilnahmen lief ich diesen tollen Lauf zwei Wochen vorher. Darum habe ich schon so etwas wie eine „Testreihe”. Ich persönlich habe gute Erfahrungen damit gemacht, zwei Wochen vor dem Marathon einen kurzen, knackigen Lauf zu absolvieren. Das passt mir besser als einen Halbmarathon drei Wochen vor dem Marathon zu laufen, denn die Belastung und die nötige Erholung von einem Halbmarathon darf man nicht unterschätzen.

Du hast damals im 2015 die Olympia-Limite für Rio um 3 Sekunden geknackt und bis 2.13.57 gelaufen. Wie sind die Selektionskriterien für Tokyo, was traust du dir zu? 

Der Qualifikationsmodus für Tokio wurde komplett überarbeitet. Für Rio musste ich „einfach“ 2:14:00 unterbieten – nun ist es viel komplizierter. Grundsätzlich wurde das Teilnehmerfeld von ca. 160 (in Rio) auf fix 80 Läufer (in Tokio) halbiert. Darum dürfte es schwieriger werden sich zu qualifizieren. Es gibt drei verschiede Möglichkeiten:

1. Man läuft bei einem World Marathon Major (Tokyo, Boston, London, Berlin, Chicago, New York) in die Top 10. Was ziemlich schwierig ist, weil bis zum 10. Rang ziemlich viel Preisgeld ausgezahlt wird.

2. Man läuft schneller als 2:11:30.

3. Man gehört zu den weiteren x Läufern, mit denen das Feld gemäss Weltrangliste auf die erwähnten insgesamt 80 Läufer aufgefüllt wird. Die Weltrangliste basiert jedoch nicht einfach auf der Marathon-Bestzeit, sondern auf einem komplizierten Punktesystem, welches ohne gründlichem Studium nicht nachvollziehbar ist.

Weil man daher nicht im Vornherein wissen kann, welche Leistung es für eine Olympia-Qualifikation braucht, kann ich auch nicht beantworten, ob ich diese mir zutraue. Meine “Strategie” ist es, mir darüber nicht den Kopf zu zerbrechen und stattdessen möglichst schnell zu laufen.

Meine provisorische Saisonplanung 2020: Barcelona Halbmarathon, Berlin Halbmarathon, Zürich Marathon, (Olympia Tokio), LA EM Paris Halbmarathon, NYC Marathon

Die letzten 10 km im Marathon durchzuziehen, „in regelmässigem Speed“ erfordern unglaubliche Willenskraft, Schmerzverträglichkeit usw. Wie trainiert ein Spitzenläufer diese letzten ca. 30 Minuten des Wettkampfes? 

Zum Teil absolvieren wir sehr harte Trainingseinheiten in der Gruppe (Intervalle, Longruns). Dies ist das beste Training für die letzten 30 Minuten des Marathons. Man sollte ausserdem darauf achten, dass man die Trainings regelmässig (oder in der zweiten Hälfte gar etwas schneller) läuft – und sich so das “Langsamer-werden” nicht antrainiert.

Ein Tipp für den Hobbyläufer, damit er die letzte Stunde voll motiviert durchlaufen kann, auch wenn’s weh tut?

Der letzte Teil des Marathons läuft man bekanntlich mit dem Kopf. Man darf sich auf keinen Fall auf die Schmerzen oder die Anstrengung konzentrieren. Ich persönlich probiere jeweils mich selber anzufeuern, an das fliegende Laufgefühl von absolvierten Trainings-Highlights zu denken, oder mich auf das Wiedersehen mit meinen Angehörigen im Ziel zu freuen.

Christian, wir danken dir für das Interview und drücken die Daumen, dass die Verletzung bis zum Berlin-Marathon verschwinden wird.

Herzlichen Dank für die spannenden Fragen (wie immer). Ich wünsche allen LeserInnen einen im wahrsten Sinne des Wortes unvergesslichen Marathon!