Freiburg platzte aus allen Nähten

Der Freiburg Marathon ist für mich ein guter Bekannter, zum siebten Mal hiess es auf dem Messegelände der Breisgau Metropole 5,4,3,2,1, LOS! Zweimal Marathon, viermal Halber, da kennt man die Strecke und vor allem ein WC, dass man für sich alleine hat, obwohl ganz in der Nähe Tausende anstehen. Natürlich gibt man das Geheimnis auch gerne an die Lauffreunde weiter.

Für mich persönlich eine klasse und gut organisierte Laufveranstaltung, bis heute.

Eine riesige BRC-Gruppe hatte sich gut eine Stunde vor dem Start am Wohnmobil von Mona und Marek eingefunden, die bereits am Vortag angereist waren und unsere Startunterlagen abholten. Ein riesen Dank an beide, da habt ihr uns einen Bärendienst erwiesen, denn wenn man miterleben musste, was in den Messehallen los war, kann man sich gut vorstellen, wie lange wir wohl hätten anstehen müssen.

Meine Aufgabe Freiburg 2019: Unsere Jüngste im Club, Lena, bei ihrem ersten schnellen Halbmarathon als Loki zu begleiten. Die Bedingungen am Messegelände hätten nicht besser sein können, perfekte Temperaturen, kein Wind und trocken war es. Zumindest ein paar Minuten, denn eine ortsnahe Schauer, die nach dem Wetterradar eigentlich in Richtung Frankreich davonziehen sollte, hatte andere Pläne für den Sonntagmorgen. Ihr gefiel die Breisgaustadt deutlich besser und legte gleich mal richtig los. Bis 20 Minuten vor dem Start drückten wir uns noch unter dem Vordach der Messehalle rum, aber dann mussten wir raus ins krässliche Nass. Die Schauer freute sich, wir nicht.

Am Start legte sie dann nochmals richtig los, jetzt lohnte es sich für sie, Tausende wurden komplett durchnässt und abgeduscht. Marina hatte sich zu uns gesellt und beschloss, den Beginn gemeinsam zu meistern. Dann kam der Start, alles lief perfekt, keine enge Situation, keine Astronauten unterwegs, wir fanden direkt unsere Pace.

Bei der alten Strecke in Freiburg war der Start auf der breiten Bundesstrasse, auf der es erstmal lange geradeaus ging. Das hat man seit wenigen Jahren geändert, es geht zickzack durch eine moderne Bürovorstadt inklusive U-Turn. Nicht optimal, vor allem weil am U-Turn dicke Steinquader den Strassenrand zieren.

Kurz nach Kilometer 3 bemerkte unsere Schauer dann, dass sie die gut 12’000 Läufer nicht mehr von ihrem Vorhaben abhalten konnte und zog ab. Lena war top unterwegs, Marina dito, der Halbmarathon war jetzt voll im Gange. Leider auch voll: Die Freiburger Strassen. Grund dafür war ein neuer zusätzlicher Lauf über 10 km, der AOK Gesundheitslauf, den die Organisatoren nochmals draufgesetzt hatten. Das sollte noch zu heiklen Situationen führen.

Die Strecke steigt in der wärmsten Stadt Deutschlands auf der ersten Hälfte leicht an, zuerst spürt man das kaum, gegen Halbzeit dann aber doch. Lena ging das nicht anders, ich konnte es an ihrer Atmung hören, dass die Pace jetzt am oberen Limit war, hoffte aber, dass sie sich auf der zweiten Hälfte etwas vom Anstieg erholen konnte.

Und dann waren ja da noch die Bands. Einfach toll, trotz dem miesen Wetter fanden die Musiker immer einen Weg, uns zu unterstützen. Danke euch, ihr habt uns tatkräftig unterstützt!

Endlich kam der höchste Punkt, am Stadion des SC, und es ging bergab. Aber der Kurs führte auch in die Altstadt und das bedeutete Kopfsteinpflaster mit Tramschienen. In der Freiburger Altstadt kommt noch etwas hinzu: Ungeschützte Wassergräben, die sogenannten „Freiburger Bächle“. Was recht nett und schön anmutet, kann für die Läufer ein gefährlicher Stolpergraben werden.

Zu diesem Zeitpunkt war Lena und mir klar, unsere Zielzeit war in weite Ferne gerückt, kein Beinbruch, fand ich, jetzt ging es darum, die 21.1 Kilometer möglichst gut zu beenden. Und das wurde uns durch den zusätzlichen 10 km-Lauf massiv erschwert. Dessen Starter hatten nämlich zwischenzeitlich fast unbemerkt eine Abkürzung genommen und liefen wieder in unser schon recht platzraubendes Läuferfeld hinein. Und klar waren das jetzt, da wir ja schon 4 bis 5 km mehr gelaufen waren, nicht mehr die Schnellsten.

„Aldi läuft, Lidl rennt, ohne Penny läuft nichts“, konnte man auf den Laufshirts lesen und genau diese Kategorie „Supermarktverkäuferin an der Kasse“, lief nun in unser deutlich schnelleres Marathonfeld hinein. Die Bremswirkung kann man sich vorstellen! Wenigstens nicht so hart wie bei den Quadersteinen in der Vorstadt, aber recht massiv. An ein gleichmässiges Laufen war nicht mehr zu denken, jetzt hiess es, irgendwie durchkommen, ja durchkämpfen. Lena machte das bravourös, eine gleich mal sehr schwierige Aufgabe in ihrem noch jungen Läuferleben. Der „Supermarktfrauenslalom“ endete kurz nach der Altstadt, der Pflasterbelag zum Glück auch, denn der war durch die morgendliche Schauer blitschenass und rutschig. Mona und Marek hatten uns kurz vor dem Zentrum passiert, die Armen mussten als Marathonläufer dort zweimal durch, aber wenigstens nicht zweimal „Slalom“!.

Dann trafen wir zum ersten Mal auf die Weiche, nicht Marktfrau, sondern die Abbiegung des 10 km-Laufes von unserer Strecke weg, wir waren wieder unter uns. Mit Ausnahme derjenigen, die diese harte Weiche verpasst hatten und uns nun teilweise entgegen kamen oder kurz vor uns abrupt stoppten und wendeten. Liebe Veranstalter, was habt ihr euch da für einen Schwachsinn ausgedacht?

Lena konnte ihre Pace leider nicht ganz halten und kämpfte jetzt, sie hatte sehr schwere letzte Kilometer zu meistern. Wenn ein Rennen perfekt läuft, dann rennt es sich entsprechend einfach. Aber in einer solchen Situation ist das eine harte Kiste und sie meisterte dies mit ganz grosser Klasse, wenn auch nicht in der gewünschten Geschwindigkeit.

Dies zu halten wurde dann wieder erschwert, Angriff der Supermarktfrauen Part II stand auf dem Programm. Schon wieder wurde der 10er in unser Läuferfeld geleitet, erneut an einer Stelle, wo Platzmangel die beste Streckenbeschreibung war. Und schon wieder hatten sie dank dem Organisator gekürzt, denn wir passierten die gleichen Lidl, Aldi und Pennyshirts, und deren Inhalt.

Erwartungsgemäss wiederholte sich auch die schlimmste Situation: Die harte Weiche. Sehr schlecht erkennbar und sparsam gekennzeichnet verpassten Läufer die Stelle und änderten spontan und ohne Vorwarnung ihre Laufrichtung. Lena war das mittlerweile so ziemlich egal, Hauptsache das Ziel kommt, weich wurde das eh nicht, sondern verdammt hart.

Die letzten beiden 1000er versuchte ich ihr in eine Art Filetstückchen zu zerlegen, von 5 x 400 bis 10 x 200 m war alles dabei, Kräuter und Beilagen hatte ich leider keine mehr, ansonsten versuchte ich es ihr so schmackhaft wie möglich zu machen. Aber sie hatte genug, kein Appetit auf das, ich spürte, dass es jetzt sogar ums reine Ankommen ging, fertig lustig. Sie kämpfte sehr hart und das erneute Zusammenführen mit dem 10er machte die Strecke nochmals sehr eng und das Erreichen der nahen Ziellinie wurde durch die Organisation erneut erschwert.

Aber es sollte ihr gelingen und mit einer Zeit von 1:45:52 h beim ersten schnell gelaufenen Halben musste sie gar nicht mal enttäuscht sein. Als Sportler weiss man natürlich, wie es sich anfühlt, wenn das Vorgenommene nicht drinnlag. Paula Radcliff meinte mal, die Läufe, die nicht nach Wunsch liefen, waren für sie die Wertvollsten. Dort lernte sie die Fähigkeiten, die sie später bis zum Weltrekord brachten.

Grosses Kompliment an meine junge Begleiterin, diese Leistung war deutlich fordernder, als bei einem normal laufenden Halben, vor allem mental war das eine mega Sache! Klasse gemacht Lena!

Am Ende bleibt beim Freiburg Marathon 2019 bei mir der grosse Aufschrei: Liebe Freiburger, was habt ihr da mit dem zusätzlichen 10er für einen Blödsinn gemacht? Sind das bei euch eigentlich noch Läufer, die das planen, oder steckt hier auch schon hirnloses Googlezeugs dahinter? Das kann man doch nicht machen!

Muss man denn, damit sich noch mehr Läufer auf der Strecke quetschen und damit noch mehr Kohle verdient wird, einen so schönen Lauf wie den Freiburg Marathon aufs Spiel setzen? Das die Supermarktfrauen 10 km laufen können ist ja grundsätzlich toll und zu begrüssen, aber macht das bitte separat und nicht im Feld der schnellen Marathonläufer! Mal abgesehen davon, dass es sehr gefährliche Situationen gab, war auch die Messehalle am absoluten Limit. Leute, dieser Lauf droht zu platzen, wahrscheinlich eure Einnahmen auch!

An den Duschen stand dann am Ende eine riesen Schlange, die bis weit in die Halle hinein reichte. Gut, wer zum siebten Mal in Freiburg am Start war und die Augen in den Vorjahren aufhielt, denn der hatte einen ganzen Waschraum für sich alleine. Wo? Das verrate ich natürlich nicht, vielleicht komme ich ja wieder, als Supermarktverkäuferin verkleidet.

Alle BRCler brachten an diesem Tag eine tolle Leistung, es gab viele Premieren und Bestzeiten, Berichte hierzu folgen, als Trainer bin ich sprachlos. Der Lauftag wurde schliesslich mit einem schönen Mittagessen mitten im Paradies beendet. Danke an Gudrun für die top Organisation und allen, die dabei waren, eine mega Truppe! Das war trotz Marktfrauenslalom, ein ganz toller Tag!

Und liebe Freiburger, seit nicht böse, sondern froh, dass nicht euer SC Trainer, Christian Streich, diesen Lauf kommentiert hat.

Fotos von Rainer