Hic autem dracones – Epik einer Rückkehr

geschrieben von José Javier Navarro

 

„Ich bin ein Perfektionist und ein Träumer. Beim Laufen kann man sich Ziele setzen, die im Moment unrealistisch sind, irgendwann aber möglich werden können“. Das hatte David Keller in einem Interview nach seiner unglaublichen Zielzeit von 1:09:27 h beim Luzerner Halbmarathon gesagt und ich bin seiner Meinung.

Vor 10 Monaten musste ich mein Barfusslaufen wegen einer Verletzung unterbrechen. Damals war mir etwas ganz klar: Unter 6 Grad mit nassem Boden kann ich nicht Barfuss laufen. Ich war sehr zufrieden mit dem sportlichen Jahr (2018). Mein erster schneller Marathon und ein Abenteuer beim Jakobsweg (501 km in 13 Tage) wurden aber gestört für sechs Wochen wegen einer Bronchitis. Die hatte mich irgendwie platt gemacht. Anfangs September war ich gar nicht motiviert wieder ins Training einzusteigen. Keine Ziele, keine Lust. Einige BRC Läufer wollten den Luzern Halbmarathon machen, aber ein schneller HM war ungünstig für mich, ich war dafür untertrainiert. Allerdings fand ich dies ein gute Herausforderung  für meine Rückkehr nach 10 Monaten als Barfussläufer.

Meine Ziele in Prioritätfolge waren:

1) Alle 21 km Barfuss laufen

2) Mein Barefoot Personal Best (BPB) von 1 h 32 m verbessern

3) Die 1 h 30 m knacken 😉

Die Vorbereitung  war erstaunlich  gut. Die Füsse waren noch genug stark. Aber das Projekt war so delikat, eine Verletzung oder Überbelastung wäre ein grosses Risiko für mein Ziel. Ich hatte nur 8 Wochen wo ich die Distanz und das Tempo zur Füsse bringen sollte. 21 km für nackte Füsse ist nicht wenig, aber 4:15/km sind auch nicht lustig. Ich musste den Aufbau genau planen damit am 28.10.2018 alles passt. Dafür musste ich auf das Dienstagtraining bei BRC verzichten, weil ich Tageslicht und Kenntnisse über den Weg brauchte. Am Donnerstag war immer ein Genuss mit dem Verein die schnellen und kurzen Intervalle zu absolvieren. Aber auch da musste ich oft das Training unterbrechen wegen Körpersignalen. Ich durfte die Grenze erreichen, aber nicht darüber.  Nach zwei Jahren Barfusserfahrung und 10 Monaten Barfussverbot wusste ich schon wie dünn diese Grenze ist.  Und so war meine Vorbereitung quasi von Handbuch: Langsam aber sicher (not too much, not too soon). Ich fühlte mich genug stark für alle meine Ziele am 28.10.2018 in Luzern.

Aber das Leben ist komplexer als unsere stilirisierte Träume. 10 Tage vor dem Rennen kündigt die Wettervorschau kalte Temperaturen und Regenfall an. Das könnte nach meiner Erfahrung alle meine Ziele zerstören. Dafür war ich nicht vorbereitet. Ich kann schon mit Temperaturen bis 0 Grad laufen. Und eigentlich gibt’s nicht schöneres als unter dem Regen  barfuss zu laufen. Aber beide Bedingungen zusammen sind eine komplette Katastrophe. Die Füsse werden schnell frieren und immer nass sein. Oder mindestens dachte ich so bis am 28. um 9:00Uhr.

Es ist Sonntag. In wenigen Stunden ist der Start. Die Wettervorschau sieht nicht besser aus. Es ist Zeit zu akzeptieren: Heute ist nicht der Tag meiner Rückkehr. Mit Humor ist es immer einfacher, aber irgendwas in mir ist doch traurig. Wie ein frustriertes Kind. Ich versuche mit gesundem Menschenverstand zu handeln. Die Stimmung im Zug mit den anderen BRC Läufern ist positiv und familiär. Wir wissen alle, dass der Tag wird nicht perfekt ist, aber das ist kein Grund auf zu geben. Wir sind Soldaten! Wir versuchen unser Bestes und nicht mehr, der Rest ist vielleicht nur Zufall, schön aber nur Zufall. Richtung Garderoben sehe ich im Hintergrund die Ziellinie. Nostalgisch denke ich, wie schön wäre es, sie Barfuss zu überqueren, aber heute leider nicht. Nur bei diesem kleinen Spaziergang vom Bahnhof bis zu den Garderoben habe ich kalte Füsse gekriegt.  Uff.

Meine Entscheidung ist barfuss zu starten und zu schauen wie lange ich es durchhalte. Wie eine Wette. Das motiviert mich immerhin. In meinen Kopf höre ich nur ein Mantra: „Hic sunt dracones“ (Hier sind Drachen), ein Leitmotiv des Barfusslaufens.

Der erste Block ist gestartet. Noch 2 Minuten. Ich trage noch Schuhe. Ich warte bis im letzten Moment. Ich will nicht einfach auf diesem nassen kalten Boden stehen. Noch 20 Sekunden. Sch…!, es ist Zeit. Mm, mal schauen. Eine Mischung aus Angst, Neugier und Lust regt mich auf. Der erste Kontakt mit dem Boden ist nicht so schlimm, sogar spassig. Aber es hat nicht mal angefangen. Einige Läufer gucken und kommentieren. Ich bin das schon gewohnt. Dieses mal bin ich aber einverstanden: „Man muss echt geistesgestört sein“.

Endlich kommt die Menschentraube in Bewegung. Meine Priorität ist ganz klar: So weit wie möglich barfuss zu laufen, der Rest ist egal, die Zeit spielt heute keine Rolle. Nach den ersten 1’000 m ist die Kälte noch ertragbar, es ist schön und ich geniesse jeden Meter wie der letzte. Meine Garmin kündigt sich mit 4:11 Min./km an, uff, zu schnell falls ich die Füsse aus einem Guss nach Hause bringen möchte. Seitdem würde ich nicht mehr die Uhr anschauen. Nur die Pips gezählt. Jeder wie ein Erfolg. Jeder Kilometer wie eine Eroberung. Nach km 3 spürte ich sogar eine gewisse Wärme in den Füssen. Vielleicht nur Selbstsuggestion, aber mir reicht das. Ich finde es erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit die Füsse mitmachen. Und ich geniesse es, ich denke nichts anders als „wow!“. Seit dem Start habe ich nur Läufer überholt. Falsch entschieden, in Block 2 zu starten. Ich brauche die Lücken, um den Boden gut zu sehen. Ein Fehler wäre nicht lustig. Die Konzentration ist enorm. Nach 5 Kilometern beginne ich zu träumen. Das ist das erstes Mal heute, wo ich bewusst realisiere: Es ist doch machbar. Komm! Komm! Ich brauche nur die 10 km zu erreichen und dann die 15 km und die 18 km und so und so bis Ziel. Es ist so einfach: Einer nach dem anderen. Das Tempo ist mir etwas zu gemütlich, aber heute liegt mein Herz irgendwo anders.

Bei km 13 hatte ich den ersten Schreck. Der Asphalt war plötzlich spitzig und kriminell. Die Füsse leiden. Zum Glück nur ca. 800 m aber die Kosten waren hoch. Mehrere solche Strecken würden mein Ziel in Gefahr bringen. Weil es mein erster Halbmarathon in Luzern war, hatte ich keine Ahnung wie die Strecke aussieht. Eben, ein Abenteuer. Da Vorne sind die Drachen. Na ja, los geht’s!.

Der Durchlauf  durch das Fussballstadion ist ein Geschenk für meine Gefühle und Emotionen. Mehr als 100 m über künstlichen Rasen spüre ich in dem Moment wie eine köstlichste Delikatesse. Ich brauche nicht trinken oder essen, aber so etwas war die schönste Verpflegung „ever“.  Wir sind schon über eine Stunde unterwegs und es beginnt zu regen. Eigentlich nichts schlimmeres ausser ein Detail: Die Tropfen springen schön wieder hoch. Uff, wenn es heftig hagelt ist „GameOver“. Einen Besen habe ich nicht dabei! Zum Glück bleibt es in diesem Fall nur in meiner Fantasie. Und so sind wir schon beim KKL gelandet. Wie soll ich es sagen, für ein Musiker durch die KKL zu rennen ist schon speziell. Und noch ein rote Teppich dazu ist wie ein Traum. Es ist dunkel, die Leute feuern uns an, es ist zwischen km 17 und 18. Meine Güte, ich kann es kaum glauben, ich habe es bis hierher geschafft und es wird nicht mehr möglich mich überzeugen die Schuhe vor der Ziellinie anzuziehen. Wir sind wieder in der Stadt.  Heute morgen, genau an diesem Ort, hätte ich es nicht gewettet.

Nach der Brücke sind wir in der Altstadt. Mit Kopfsteinen habe ich schon Erfahrung, aber in diesem Zustand, nach 18 kalten Kilometern, ist es mir wirklich zu viel.  Die Kopfsteine sind zu klein für die Füsse. Meine Augen suchen in Lichtgeschwindigkeit die grössten Kopfsteine, um diese gemütlich zu betreten. Ich mache was ich kann: Wie alle eigentlich. Mein Tempo leidet. Zum Glück hat alles ein Ende. Ich sehe den Asphalt in Hintergrund wie eine Rettung. Das Schild km 40 ist vor mir. Gott, noch 2!, noch 2!. Ich weiss schon, dass ich es schaffe, allerdings find ich es unglaublich. Ich habe nur Gänsehaut. Diese 2100 m Boden kenne ich schon von heute Morgen und da gibt es keinen Drachen mehr. Vamos! Vamos!. Jetzt darf ich beschleunigen. Endzeit ist mir scheissegal, aber die Epik habe ich doch verdient. Ich bin doch müde, sehr müde, mein Herz hat heute schön gearbeitet. Ich bin sicher unter 4:00/km vor dem Eingang des Verkehrshauses, das Ziel. Der Eingang ist schön. Die Leute feuern mich wild an. Der Beton des Bodens ist glatt, schön glatt, glatt und nass. Während ca. 10 Metern frage ich mich, ob zu glatt oder zu nass, aber egal, nichts zu retten, der Boden ruft mich. Dieser Boden, der heute meine komplette Aufmerksamkeit abgesaugt hat, will mir noch was zuflüstern. Ich höre die Zuschauer. Schon gelandet stelle ich fest, dass der Boden, mit den Händen auch schön ist. Ich stehe auf und schaue auf den Zielbogen. Kaum 200 m. Um zu sprinten habe ich noch Füsse und Atem, sogar Lust. Und so, mit den Händen hoch schliesse ich was für mich ein Traum ist. Erst später würde ich realisieren, dass ich 1:28:08“ für die 21.1 km brauchte. Buá! Ich hatte alle drei Ziele erreicht.

Hoffnung hatte ich wirklich nicht. Herzblut doch genug.

 

* „Hic sunt dracones“ ist eine lateinische Textphrase, die auf Deutsch „Hier sind Drachen“ bedeutet. Frühe Weltkarten illustrierten den Raum jenseits der bekannten Welt häufig mit Fabeltieren wie Seeschlangen und Seemonstern mit solchem Text. Es bedeutet so etwas wie „Angst vor dem Unbekannte“