Run To The Magic Pass

Ein Bericht von Wolfgang Hauch

Die ganze Geschichte fing eigentlich schon vor vielen Jahren an, als ich mit dem Velo und Töff das Stilfser Joch bezwungen hatte. Schon damals kam mir der Gedanke, dort könnte man ja auch einmal hochlaufen.

Vergangenen Herbst auf der Marathonmesse in Florenz blieben Gerd Müller und ich beim Rundgang am Stand des Stelvio Marathon hängen und die alten Erinnerungen wurden wieder wach. Da im Herbst der Arosa-Trail über 53 km und 3400 Höhenmeter ansteht dachten wir, das Stilfser Joch würde einen guten Trainingslauf hergeben. Auf der Marathondistanz gab es schliesslich 2400 Höhenmeter zu bezwingen, inklusive einiger bergab-Passagen. Wir versprachen uns anzumelden, nachdem wir den halben Teller mit Käse und Speck vereinnahmt hatten. In Wien beim Marathon gab es ein „Déjà-Vu“ mit den Leuten vom OK und wir meldeten uns dort direkt an. Nun gab es kein Zurück mehr.
Die Vorbereitung ist schnell erzählt. Während 4 Wochen nach Wien gab es die obligatorische Regeneration und dann blieben nur noch 3 Wochen, die mit einigen Hügelläufen gefüllt wurden. Das musste reichen, schliesslich sollte es ja kein Wettkampf, sondern ein Trainingslauf werden.

Sommer, Sonne, blauer Himmel, Italien

Unsere Unterkunft hatten wir in Glurns in einer Pizzeria mit kleiner Pension aufgeschlagen. Vom Pizzateller bis ins Bett keine 50 m. Von dort ging es am frühen Morgen nach Prad. Der Himmel war bereits wolkenlos und die Sonne erstrahlte in voller Pracht. Wir wussten, dass es heute warm werden würde. Der Start sollte bereits um 8 Uhr erfolgen, ja sollte, Südtirol ist dann doch schon Italien.
Als um 8 Uhr die Kirchturmuhr läutete sagte der Sprecher: „Noch eine Minute“, um 5 Minuten später zu korrigieren, nur noch wenige Minuten. Grund war der Hubschrauber, den man zum Filmen gebucht hatte. Als dieser um 8:15 am Himmel erschien, wurde dann endlich gestartet.
Die ersten 16 km, eine Schleife über Glurns, waren quasi flach. Lediglich 100 Hm störten nicht wirklich. Damit ist das Profil am Anfang ähnlich wie beim Jungfrau-Marathon, der ja bekanntlich mit der schönsten Marathonstrecke wirbt. Eines kann ich hier schon vorwegnehmen, das war vielleicht einmal so und ist nur noch Marketing-Blabla.
Die 16 flachen Kilometer benutzten Gerd und ich zum intensiven warmlaufen. Eine Pace von 5:13 waren dabei so das Wohlfühl-Tempo. Apropos Wohlfühlen: Seit Wien habe ich gelegentlich leichte Schmerzen in der Leiste und die machten sich am Morgen wieder bemerkbar. Ich bekam dadurch die Gedanken, dass sie mir hoffentlich keinen Strich durch die Rechnung machen würden. Interessant ist die Kilometrierung der Strecke. Sie ist als Countdown von 42 bis 1 ausgeflaggt.

Den Duft der Bergkiefer gibt es nicht nur im Aldi

Zurück in Prad begann nach einem Rechts-links-Schwenk dann das eigentliche Abenteuer. Eine steile Rampe über eine schmale Strasse führt über mehrere kleine Höfe in Richtung dem Bergdorf Stilfs. Nach einem Kilometer wechselt die Strecke auf einen Singletrail inmitten duftender Bergkiefern. Der Duft ist der gleiche wie bei meinem Duschgel vom Discounter des weissen Mannes. Die Steigung ist nun etwas moderater, aber mit kleinen Rampen gespickt. Man muss sich hier schon gut konzentrieren, um nicht auszurutschen, zudem man nicht alleine unterwegs ist. Mit Wohlwollen stellte ich fest, dass meine Leiste am Berg überhaupt nicht schmerzt. Ab Kilometer 19 geht es ein kurzes Stück bergab, was eine gute Erholung für die Beine ist, aber die Leiste spüre ich wieder etwas.

Der lacht noch, der muss fit sein
Die halbe Distanz wird inmitten von Stilfs erreicht, wo sich auch eine der zahlreichen Verpflegungsstellen (15 Stück) befindet. Der Sprecher empfängt mich mit dem Spruch „Der lacht noch, der muss fit sein“ und ich nehme ihn als neuen Anspruch für das Ziel vor. Genau so möchte ich die Ziellinie überqueren. Die wenigen Zuschauer machen hier in Stilfs einen Lärm, als wären es zehnmal so viele. Eine tolle Stimmung, ehe man am oberen Ortsrand Stilfs wieder verlässt.

Jetzt wird es ernst
Anfangs über Wiesenwege, vorbei an der St. Martin Kapelle, geht es wieder in den Wald über einen Singletrail bis zum Tiergehege Fragges. Auf einem Waldweg geht es zügig über Spitzkehren in höhere Regionen. Ab hier läuft Gerd alleine weiter, ich dosiere mein Tempo bewusst, denn es sollten ja noch mehr als die Hälfte der Höhenmeter kommen. Ab Kilometer 27 führt die Strecke wieder auf einem schmalen Singletrail. An der Prader Alm auf 2060m gelegen ist die Baumgrenze erreicht, nun wird es richtig anspruchsvoll. Dafür wird man mit einem atemberaubenden Panorama beglückt. Gegenüber dem Jungfrau-Marathon ist man weitaus mehr im alpinen Gelände, alles wirkt und ist viel näher. Auf 2km sind fortan gut 300HM zu bewältigen, der Trail besteht jetzt aus vielen Steinen mit teilweise hohen Stufen. Meine Beine sind noch ganz gut und ich habe an jedem Verpflegungsposten 2 Becher getrunken. Dadurch hoffe ich einer Dehydrierung entgegenzuwirken, bei einem schweisstreibenden Berglauf kann das schnell eintreffen. Selbst in dem höchst gelegenen Teil der Strecke gibt mehrere Verpflegungsstellen, hier nutzt man die lokale Feuerwehr mit ihren Landrover, um in unwegsames Gelände zu kommen. Bei etwa 2300 Meter Höhe ist der erste Gipfel erreicht, es verbleiben jedoch noch 11km, davon 7km bergauf. Die 4km bergab zur legendären Passstrasse gehen zu meiner Freude nicht nur über schmale Pfade, ein Teil wird über Unterhaltswege des kleinen Skigebietes geführt. Das erlaubt mir, während dem Laufen das sensationelle Panorama zu geniessen. Wegen meiner Leiste lege ich mir ein moderates Tempo auf, die Beine sollen schliesslich auch noch das Ziel sehen.

Etwa 100m vor Erreichen der Passstrasse, die man schon stellenweise durch die Sträucher tief unter einem erblicken kann, stürzt eine Frau heftig. Sie fällt mit voller Wucht auf ihr Gesicht, zum Glück trifft sie keinen grösseren Felsbrocken. Ich helfe schnell bei der Erstversorgung, sie findet sich aber ok und möchte weiterlaufen, nachdem sie sich etwas stabilisiert hat.

Da geht die Wand auf
Ich erreiche unterdessen die Passstrasse etwas unterhalb der Franzenshöhe. Der technisch schwierige Teil ist somit geschafft, was Kraft und Zuversicht für die noch verbleibenden 7km gibt, wäre da nicht der Blick in Richtung Ziel! Dieses ist erst jetzt zu sehen, aber was sich einem hier bietet ist fast umwerfend, genau das macht das Stilfser Joch so besonders, wenn man es bezwingen will. Es stehen noch 25 in die Wand geknallte Spitzkurven an, die 580HM sind fast Nebensache, ergeben aber eine durchschnittliche Steigung von über 8%, die ich gelassen angehe.

An der Verpflegungsstelle an der Franzenshöhe will ich mich richtig stärken und entdecke eine Flasche Forst auf dem Tisch. Die gehörte eigentlich dem hinter dem Tisch, aber mit dem Kommentar „ich kann jetzt kein Bier mehr sehen“ überlies er sie mir dankenswerterweise. Somit machte ich mich wieder auf den Weg. Den Alkohol spürte ich sofort, was aber vor Erreichen der nächsten Kurve schon wieder weggelaufen war. Es tat sich ein ganz anderes Problem auf, mein Lauf-Rhythmus passte überhaupt nicht. Zum Laufen war zu steil oder ich zu müde; für Gehen war es wiederum zu flach. Ich probierte nun eine Kombination aus abwechselnd Laufen und schnelles Walken mit Armeinsatz. Diese Technik wandten die anderen auch an und so schraubte ich mich von Kehre zu Kehre. Als guten Tipp kann ich jedem empfehlen, ja nicht die ausgeschilderten Kurven zu zählen, denn anfangs hat man das Gefühl, die nehmen einfach kein Ende und das Ziel kommt nicht wirklich näher. Ich nehme mir die eine markant sichtbare Kurve als Zwischenziel vor, von dort merke ich dann, wie weit unten die Franzenshöhe schon ist. Mit meinem guten Rhythmus gehe ich den Rest, etwa 3km, an. Die Positionen sind auch fest, denn jeder kämpft mit sich selbst. Noch 1 Kilometer ist in blauer Farbe auf den Asphalt gemalt, die Passhöhe hat man nun direkt vor Augen und die Freude, das Ziel zu erreichen steigt und gibt mir einen Motivationsschub. Den kann ich gebrauchen, denn es überholt mich dann doch ein Läufer. Ich hänge mich an ihn und überhole ihn etwa 300m vor dem Ziel. Nun heisst es durchbeissen und Position halten. Endlich auf der Passhöhe angekommen kann ich dort kein Ziel sehen. Stattdessen winkt mich eine freundliche Helferin nach links eine Steigung hoch und hinter mir kann ich wieder einen Atem hören. Also nochmals Gas geben und die unerwarteten weiteren 150m bergauf laufen. An der 180 Grad Wende kurz vor der Ziellinie sehe ich dann, dass mein Nachfolger mich nicht mehr einholen kann und laufe die letzten Meter entspannt mit dem vorgenommenen Lachen im Gesicht durch den Zielbogen – geschafft!

Was bleibt
Der Veranstalter hat fast alles richtig gemacht und er wird es sicherlich schaffen, eine neue Kult-Laufveranstaltung zu etablieren. Der Jungfrau-Marathon ist nun offiziell als schönster Marathon abgelöst, der Stelvio schlägt ihn in allen relevanten Punkten.

Ich werde sicher wieder dort starten, da es noch jede Menge Eindrücke zu sammeln gibt und die Lokalität einfach umwerfend ist. Langeweile war dieses Wochenende ein Fremdwort.