Pacemaker am Swiss City Marathon Luzern

Eine neu begonnene Schule und die Imkerausbildung liessen mich meine sportlichen Ziele im Jahr 2017 ein wenig anders priorisieren als vielleicht in Jahren zuvor. Die Jagd nach einer neuen PB über die 42.195 km sollte für einmal vertagt werden. Bewusst wollte ich dadurch den Trainingsdruck reduzieren, einfach laufen wie es mir gefällt ohne strikten Trainingsplan. Im Laufe des Jahres konnte ich mich dann allerdings weniger mit dem Gedanken anfreunden, gar keinen Marathon zu laufen. So kam ich auf die Idee, einen Marathon als Pacemaker zu laufen und damit andere Läuferinnen und Läufern in ihrer Zielzeit von 3 Stunden zu unterstützen. Eine erste Anfrage an den Veranstalter des Luzern Marathon erfolgte schon im Frühjahr und bald erhielt ich die Nachricht, dass man mein Angebot als Pacemaker gerne annehmen würde.

So hatte ich also doch wieder einen sportlichen Fokus und startete Anfang August das 12-Wochen dauernde Training nach einem Trainingsplan, der sich bei mir schon mehrfach bewährte. Ich trainierte in etwa mit denselben Zeiten, mit denen ich vor einem Jahr meine PB gelaufen bin. Nicht nur mit dem Gedanken, am Marathon auch noch eine gewisse Reserve zu haben sondern auch mit dem Ekiden Marathon in Basel als Zwischenziel. Nicht nur da zahlte sich die gute Qualität der Trainings aus: Drei Wochen vor Luzern lief ich in den Ferien im Tessin eine handgestoppte 1:16:48 über die halbe Marathondistanz.

Ich war überzeugt, dass mit dieser Vorbereitung eigentlich nichts mehr schief gehen konnte. Nach einem erholsamen Schlaf machte ich mich früh morgens auf nach Luzern. Die Anspannung war dabei nicht anders als bei einem “normalen” Wettkampf. Aus Erfahrung ist mir bewusst, dass ein Marathon seine eigenen Gesetze hat und viel passieren kann auf dieser Distanz. Dieses Gefühl der Unsicherheit und Respekt vermischt mit der Vorfreude ist schwer zu beschreiben. Vor allem beschäftigte mich schon lange, ob ich überhaupt mit diesem Pacemaker-Rucksack und entsprechender Fahne mit der aufgedruckten Endzeit einen Marathon laufen könnte. Als ich diesem Rucksack dann am Sonntagmorgen in der Hand hielt waren diese Zweifel verflogen. Der war so leicht, dass dieser das Rennen trotz dem prognostizierten, starken Wind und etwas Regen wohl kaum nachteilig beeinflussen würde.

Als Pacemaker hat man in Luzern das Privileg eigener Garderoben und WC’s im Verkehrshaus. Viele Pacemaker kennen sich bereits aus früheren Läufen und es herrscht eine kollegiale, unaufgeregte Atmosphäre. Man kann sich in aller Ruhe auf den Lauf vorbereiten und ist nahe am Start. Ich hab das sehr genossen.

20 Minuten vor dem Start machte ich mich los. Was mir sofort auffiel war, dass mich alle Leute anstarrten und sich nach mir umdrehten. Der beste Beweis, dass man als Pacemaker offensichtlich gut gesehen und erkannt wird. Nach ein paar knackigen Beschleunigungen vor dem Startbereich schüttelte mir sogar Thomas vom Chaos-Theater Oropax die Hand und meinte, dass drei Stunden seine Traumzeit wären 🙂

Kurz vor dem Start erschien dann Marc Zimmermann, der ebenfalls als Pacemaker über 3 Stunden laufen wollte, doch noch. Da ging ich bereits davon aus, dass er nicht mehr kommen würde. Als erfahrener Pacemaker in einem Marathon war er natürlich eine willkommene Unterstützung.

Dann ging’s los. Die ersten zwei Kilometer im Rausch des grossen Läuferfeldes waren ein erwartungsgemäss schneller als die angestrebte Pace. Da Luzern aber kein flacher Kurs ist konnten wir bis zur ersten Steigung ein kleines Zeitpolster aufbauen. Praktisch kaum Wind und schon gar kein Regen bei ca. 10 Grad, die Bedingungen waren nahezu ideal. Nach der dritten Steigung bei ca. Kilometer acht lichtete sich das Feld langsam und die vielen Läufer liefen nicht mehr so nahe beisammen. Ich hatte die Zeiten für jeden Kilometer auf zwei Armbändern notiert und kontrollierte diese jeweils beim Vorbeilaufen an den Kilometermarkierungen an der Strasse. Als ich mich das erste Mal bewusst umschaute war ich erstaunt, wie viele Läufer unmittelbar hinter mir waren. Offensichtlich hatten sich tatsächlich viele an mir orientiert, was mich sehr freute. Ein Bisschen fühlte ich mich wie Forrest Gump, der zu laufen begann und immer von mehr Läufern gefolgt wurde. Das Schöne war, dass nicht nur Marathon Läufer sondern auch viele Halbmarathon Läufer dabei waren. Kaum angefangen hatten wir die Horwer Halbinsel schon fast umlaufen. Dann ging es durch das Stadion des FC Luzern wo ich beim Eingang fast mit der Pacemaker-Fahne hängen blieb. Kurz darauf folgte die spektakuläre Passage durch das Kultur- und Kongresszentrum (KKL). Ich heizte die vielen Zuschauer an, welche uns frenetisch zujubelten – immer wieder ein grossartiges Erlebnis. Noch kurz die Schlaufe durch die Altstadt und schon waren wir auf der Zielgeraden für die Halbmarathonies. Ich spurte rechts ein und war gespannt, wie viele Läufer sich ebenfalls auf die zweite Runde machen würden. Vorher war es schwierig die Übersicht zu halten. Sehr erfreulich, dass rund 30 Läufer geschlossen hinter mir her liefen. Unter anderen auch Nicole Lohri, die spätere Vize-Schweizermeisterin (1. in ihrer Kategorie). Leider musste sie bei ca. km 25 abreissen lassen, als wieder eine kurze Steigung kam. Auch mein Pacemaker-Kollege, der von da an das Feld von hinten versuchte zusammen zu halten, konnte sie nicht mehr mitziehen. Am Ende kämpfte Nicole noch mit Krämpfen, konnte dennoch mit viel Kraft und Willen in 3:05:08 ins Ziel laufen. Einfach grossartig wie sich das auszahlte mit dieser fantastischen Rangierung – Marathon at it’s best.

In der letzten Steigung bei ca. km 28 zog sich das Feld hinter mir immer wie mehr in die Länge. Obwohl ich ein wenig Tempo rausnahm und kürzere Schritte machte, machten sich die zwei Stunden Lauf in den Beinen bei den meisten bemerkbar. So zogen wir das zweite Mal durch Horw, angefeuert von den vielen Zuschauern die auch wegen dem dort startenden 10 km Lauf gekommen waren. Kurz vor der Allmend zogen dann vereinzelt Windböen auf, leider nicht von hinten. Ich streckte die Arme zur Seite und die Läufer reihten sich schön in Einerkolonne hinter mir in den Windschatten ein. Kurz vor dem KKL, wir waren zwischenzeitlich bei km 39 angekommen, motivierte ich die verbleibenden Läufer nochmals mit dem Hinweis, dass es nur noch rund 12 Minuten bis ins Ziel waren. Ein Läufer, den wir gerade überholten, hörte das und reihte sich ebenfalls hinter mir ein – er kam später im Ziel zu mir und sagte, ich hätte ihm das “Leben” gerettet, da er ohne uns die drei Stunden Marke nie mehr unterboten hätte. Bei km 40 sagte ich den noch ca. 10 unmittelbar hinter mir laufenden Läufern, dass sie jetzt noch alles geben könnten, sofern noch Reserven vorhanden sind – das schien aber bei niemandem der Fall zu sein. Wir waren konstant ca. 30 Sekunden unter der 3 Stunden Marke unterwegs und ich sah weiter hinten, dass auch mein Pacemaker-Kollege Marc mit ein paar Läufern im Windschatten noch sicher unter der geforderten Zeit ins Ziel laufen würde. Schlussendlich finishte ich in 2:59:35 und wurde unmittelbar nach der Ziellinie interviewt – live übertragen im ganzen Verkehrshaus. Ihre Fragen resp. meine Antworten wurden immer wieder unterbrochen durch Läufer welche zu mir kamen und sich bedankten für meine Arbeit. Diese grosse Dankbarkeit die ich erfahren durfte war mehr als ich mir erhofft hatte und mit Sicherheit der schönste Lohn eines Pacemakers.

 

Am Ende blieb der Blick auf die Rangliste: Gemäss dieser hatten am Ende 12 Läufer die 3 Stunden Marke knapp unterboten, 7 blieben mit einer Zeit von unter 3:02 knapp darüber.

Luzern ist ein sehr gut organisierter Lauf mit vielen begeisterten Läufern und noch mehr Zuschauern. Ich staune immer wieder wie viele Leute einen Halbmarathon oder Marathon laufen können.

 



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